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Blutig, totgebissen – so schleppt ein Schimpanse den leblosen Körper eines Stummeläffchens herbei. Die Jagd der Gruppe war erfolgreich gewesen – jeder kriegt seinen Anteil und reisst gierig mit den Zähnen Stücke aus der blutigen, noch warmen Beute.
50 Jahre Freilandbeobachtung von Primaten und archäologische Funde haben uns viel über deren Verhalten erzählt. Auch über die Ernährung und ihre verschiedenen Folgen für die Lebensweise. Was kam an Interessantem heraus?
Zum Beispiel, dass wir Menschenaffen, Hominiden und Menschliche nach bestimmten Sachen lechzen. Die Anthropologen nennen das die Vorzugsnahrung. Im Gegensatz dazu gibt es die Ersatznahrung, die nur in Notzeiten widerwillig akzeptiert wird.
So wie wir auch waren viele unserer Vorfahren Omnivore (Allesesser). Dennoch zogen sie das in ihren Augen Bessere dem weniger Guten vor. Etwa reife Früchte, Nüsse, junge Blätter oder auch Tierisches wie Eier, Insekten, Vögel oder Fleisch. Heutige Schimpansen jagen gemeinsam andere Äffchen. Dafür nehmen sie längere Wegzeiten in Kauf, anstrengende und gefährliche Jagden.
Denn Vorzugsnahrung ist hochwertig: Voller Energie, Aufbau- und Vorratsstoffe, an die man leicht rankommt. Diese Lebensmittel weisen keine harten Schalen, nicht zu viele Kerne oder zähe Fasern auf. Solches Essen ist vom Verdauungssystem leicht zu verarbeiten und die Inhaltsstoffe werden rasch aufgenommen. Die Signale, die Magen und Darm in diesem Fall an den Kopf senden, kennen auch wir gut: Es schmeckt süß, kräftig - es macht satt und zufrieden.
Also stürzen sich die Primaten auf Vorzugsnahrung, wann immer sie sie vorfinden. Das Dumme nur: Vorzugsnahrung ist eher selten in der jeweiligen Umwelt, zuviele wollen es, zu begehrt ist es. Daher gibt’s einen Run darauf, Konflikte oder - vielleicht notgedrungen oder aus Erfahrung klüger geworden - auch Zusammenarbeit.
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In Notzeiten knabberten Hominiden widerwillig an Rinden, harten Samen, alten Blättern, krautigen Pflanzen .. . Denn zahlreich sind die Nachteile von Ersatznahrung: Viel Zeit und Arbeit muss ins Essensammeln und -aufbereiten investiert werden. Mühselig müssen Rindenstücke von den Bäumen gebrochen werden, mühselig müssen viele kleine Samen gesammelt werden. Mühselig werden sie von den Hülsen und Spelzen befreit, mühselig zerkaut und mühselig viele Stunden verdaut. Und trotz der Mühsal liefert die Ersatznahrung netto nur wenig Energie.
Die Signale, die Magen und Darm in diesem Fall an den Kopf senden, kennen auch wir gut: Widerwille und Abwehr. Daher liebt niemand Ersatznahrung, niemand reißt sich drum. Nur wenn der Hunger groß wird, überwindet man sich und begibt sich auf das mühselige Suchen, Ernten und Verarbeiten. Ersatznahrung ist zwar in rauen Mengen vorhanden, dennoch zerstreuen sich alle regelmäßig in einem großen Gebiet, um viele kleine Sachen zusammenzukratzen. Das soziale Leben kommt zu kurz: Die Erwachsenen haben weniger Zeit füreinander oder für das Hegen des Nachwuchses. Wenigstens rauft sich keiner darum und keiner zettelt Konflikte wegen Rindenstücke an.
Warum dieser Ausflug, liebe Leser, in die ferne Vergangenheit? Weil der Gegensatz zwischen Vorzugs- und Ersatznahrung sowohl die letzten 10.000 Jahre als auch unsere jetzige globale Gesellschaft zutiefst bestimmt. Die Fortsetzung - ein etwas anderer Blick auf unsere Geschichte und Gegenwart, auf unser Essverhalten und verbreitetes Fettwerden - folgt hier in Kürze.
Reinhard Neumeier, Dezember 2010
Zum zweiten Teil dieser Serie Ersatznahrung: Das muss ich essen?
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