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Ersatznahrung: Das muss ich essen? (2) Drucken E-Mail

Der Mensch erfand als Krone der Schöpfung (Vorsicht: Unsinn) vor zehntausend Jahren die Landwirtschaft  und lebte aufgrund dieser Erfindung besser als je zuvor (Vorsicht: Unsinn). Viele Schülergenerationen wurden mit dieser Ansicht gefüttert. Langsam erst dämmert uns, wie völlig daneben diese Ansichten waren. Langsam erst verstehen wir, dass diese neolithische Revolution nichts mit Umstellung auf eine gesunde Ernährung zu tun hat, wie Gurus von Getreidekost predigen.

Schon einige zehntausend Jahre vor der breite Anwendung der Landwirtschaft dürfte das Know-how für das Anlegen und Bewirtschaften von Gärten vorhanden gewesen sein. Sogar unsere Vettern, die fleischliebenden Neandertaler, hatten schon Hülsenfrüchte gegessen, wie Analysen von Speiseresten zwischen Zähnen belegen. Gefundene Reibe- und Mühlsteine für Samen aller Arten haben ein Alter von mehr als zwanzigtausend Jahren.


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Trotzdem startete der Einsatz von Landwirtschaft im großen Umfang erst vor ca. zehntausend Jahren, ein Wendepunkt, der von Geschichts-Wissenschafter als neolithische Revolution genannt wird. Warum ließen sich unsere Vorfahren für das Pflanzen im großen Umfang so lange Zeit, obwohl sie wussten, wie es geht? Warum, wenn das Anbauen und Ernten eine so segensreiche Erfindung gewesen sein soll?

Ganz einfach – die viele Arbeit rund um mickrige Ersatznahrung war völlig unattraktiv gewesen. Schierer Zwang musste unsere Vorfahren dazu gebracht haben, den Boden vorzubereiten, kleine spelzige Körnchen auszustreuen, monatelang zu betreuen, viele scharfkantige Grashalme abzuschneiden und mühsam die stacheligen Samen herauszulösen, aufzubewahren, vor Mäusen und Ratten zu schützen, zu mahlen oder zu stampfen, zu rösten und endlich als Brei (oh, um wieviel delikater ist doch eine am Feuer geröstete Antilopenkeule) zu verzehren.

Brutaler Zwang angesichts zu vieler Menschen und/oder einer veränderten Umwelt dürfte unsere Vorfahren dazu gebracht haben, spezielles Gras in großen Mengen anzubauen. Das tonnenweise Eiweiß und Fett herumtragende Großwild war zu intensiv bejagt und vertrieben worden. Oder das Klima hatte sich fundamental geändert. Oder beides gleichzeitig.


Gemüsestand am Wiener Brunnenmarkt


Vertreter der Paläoanthropologie erzählen uns, dass der homo sapiens – der weise und eben nicht dumme Mensch - unfreiwillig zum Bauern geworden war. Widerwillig hatte er begonnen, Süßgräser wie Gerste und Weizen im großen Stil anzubauen. Zu offensichtlich waren die Nachteile: Mühsames Anbauen und wenig erbauliches Essen. Auch stellte sich die Einengung auf wenige Feldfrüchte und Getreidearten ernährungsphysiologisch rasch als eine Katastrophe heraus.

Skelettausgrabungen von frisch angelegten bäuerlichen Siedlungen zeigen regelmäßig: Die ersten zwei bis drei Generationen sesshaft gewordener Mensch waren von Hungersnöten geplagt worden. Kinder hatten Wachstumsstörungen, Erwachsene waren mangelernährt, die Menschen wurden von Generation zu Generation kleiner. Kein Wunder, in den verbliebenen Wäldern ringsum die neuen Siedlungen hatte man wohl bald das letzte Wild gejagt. Erst viel später begannen die Menschen Wildziegen und Schafe als Nutztiere zu halten und damit den Zugang zu Eiweiß wieder auf eine regelmäßige Basis zu stellen.


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Ein altes Karl-May-Klischee könnte deshalb Richtiges enthalten: Der großgewachsene Nomaden / Jäger / Sammler (= der vor hundert Jahren vielzitierte edler Wilder) verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit in einen kleinen, gedrungenen Bauern. Der erzwungene Umstieg auf die Ersatznahrung hatte unsere Vorfahren buchstäblich ins Mark getroffen, sie schrumpfen lassen und - oft unterernährt - vielen Mangelkrankheiten ausgesetzt. Ernährung und Gesundheit hingen immer eng zusammen.

Überdies änderten sich in der Folge viele Lebensbereiche dramatisch. Die menschliche Kommunikations- und soziale Beziehungssstrukturen mussten sich von jahrmillionenlang vorherrschenden Kleingruppen auf nicht mehr überschaubare Großgruppen umstellen. Großgruppen, in denen der Einzelne immer weniger zählte. Großgruppen, die Über- und Unterordnungen hervorbrachten, Häuptlinge, Priester und Soldaten brauchten. Großgruppen, die in der Folge zu den gegenwärtigen Ultragroßgesellschaften wurden.


Mit einer zunehmenden Anfälligkeit für Hungersnöte, rasch um sich greifenden Krankheiten und Seuchen. Ganz zu schweigen von der vollkommenen Abhängigkeit vom Wetter samt einer absoluten Hilflosigkeit gegenüber lokalen Klimaänderungen. Kurz: Homo sapiens hatte sich - ganz und gar unweise - in die Nesseln gesetzt.

Warum dieser Ausflug, liebe Leser, in die Vergangenheit? Weil der Gegensatz zwischen Vorzugs- und Ersatznahrung auch unsere jetzige globale Gesellschaft zutiefst bestimmt. Das und wie es uns gelang, aus Ersatznahrung wieder Vorzugsnahrung zu schaffen, wenn auch in immer miserablerer Qualität, soll im nächsten Essay erzählt werden. Kommen Sie wieder!

Reinhard Neumeier, Jänner 2011


Zum ersten Teil dieser Serie Vorzugsnahrung: Das will ich essen!

Zum dritten Teil dieser Serie Das esse ich JETZT


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