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Brutales Einschränken des Essens bringt einfach nichts - weder ein Idealgewicht noch Lebenszufriedenheit. Dauerhaft schlank bliebt man auch nicht. Warum nicht? Weil zum Beispiel gilt: Je kompliziertere die Lebewesen sind, welche die Evolution hervorgebracht haben, umso unabhängiger machten sie sich von der äußeren Umwelt.
Wir sind biologische Lebewesen, deren Organe und Systeme während einer unfassbaren Tiefenzeit von mehreren hundert Millionen Jahre gebildet hatten. Unsere Vorfahren durchlebten unzählige Male alle denkbaren Gefahren. Die Überlebenden hatten daher entsprechende Programme in ihre Gene abgespeichert.
Wir aufrechtgehenden Primaten verfügen nun über einen Mix aus biologischen Untersystemen, die in Hungersituationen 'ihren' jeweiligen Körper am Leben erhalten. So wie sie es gelernt hatten. Eine Unterversorgung von Inhaltsstoffen auf einem Gebiet wird durch Adaptionen und Umstellungen in den Stoffwechselsystemen abgefangen und ausgeglichen. Im Verlaufe der Millionen von Generationen war auf diese Weise ein Fließgleichgewicht zwischen den Untersystemen des Aufnehmens, Verdauens, Verwertens, Aufbauens, Abbauens und Stoffwechselns, ... entstanden.

Kein Wunder, daß diese Systeme und Prozesse uns moderne Menschlein nach einiger Zeit des Diäthaltens zu seltsamen Handlungen zwingen: Sie lassen einen nachts im Zuge einer unwiderstehlichen Heißhungerattacke den Kühlschrank leeren. Oder 300-Gramm-Schokotafeln auf einmal verdrücken. Oder zwei Pizzen vom Lieferservice bestellen und ohne Rest verschlingen. Eben als Ausgleich für zuviele vorhergegangene Salat-und-Tee-Tage wahrscheinlich. Denn die uralten Programme des Ausgleichsuchens sind in unseren Subsystemen gespeichert und werden in Notzeiten (und Diätzeiten sind Notzeiten) aktiviert. Da fährt die sprichwörtliche Eisenbahn drüber.
Wir Wesen des 21. Jahrhunderts haben geringe Durchsetzungschancen gegen die äonenalten Lebenssysteme. Im Normalfall flüstern die, im Körper eingestanzten Überlebenssprogramme nur. Im Verlaufe von Diäten aber werden sie laut und setzen ihre Regungen mit Gewalt durch. Resultat: Bald zeigt die Waage wieder so viel an wie vor der Diät. Einige Monate später oft mehr – unsere lernende Systeme beugen nun zukünftigen Diäten, eben zukünftigen Mangellagen vor.
Diäten funktioniert nicht. Das hat ohnehin schon jeder gehört. Er oder sie meint aber, das gelte nur für andere. Und probiert es als moderner, oft nur auf den kurzfristig sichtbaren Erfolg setzender, moderner Mensch in jedem Frühjahr wieder. Und muss bitter erkennen: Der schwerer gewordene Körper sitzt auf dem längeren Ast. Ein Ast, der brechen wird.
Reinhard Neumeier, Mai 2011
PS: Im dritten Teil dieser Serie betrachten wir ein besonders wichtiges Steuerungs- und Verwertungs-Subsystem – das Gehirn. Und wie es sich auf Kosten anderer bevorzugt.
Zum ersten Teil der Serie
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