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Gutmütig, nett, aber übergewichtig – ein Arbeitskollege brachte 185 kg auf die Waage. Vom Verhalten zunächst erstaunlich, denn er ging selten mit uns zum Mittagessen. Lieber knabberte er ein Weckerl oder aß einen Apfel. Nur zu Hause, nach der Heimkehr, esse er reichlich, so erzählte mir. Und lasse sich nicht selten um Mitternacht vom Zustellservice zwei Pizzen bringen.
Eben nachts und eben zwei Pizzen. Die zweite ist das Problem. Nicht die erste! Die zweite Pizza wird zum Dickmacher. Untersuchungen des menschlichen Hirns mit bildgebenden Verfahren zeigen, dass Übergewichtige Stopp-Signale kaum kennen und verspüren. Vielleicht sendet der überdehnte Magen nichts mehr aus, vielleicht stoppt ein vorderer Teil des Gehirns nicht den Griff zur zweiten Pizza. Ein Stoppsignal, das bei Normalgewichtigen funktioniert.
Vergleichen wir mit den Signalen im Straßenverkehr. Grünes Licht heißt, Hunger spüren. Grün heißt, zugreifen sollen und dürfen. Die Fülle des Lebens spüren und in sich aufnehmen! Es startet eine lustvolle Phase des Zufriedenmachens von Körper und Geist. Irgendwann aber ist Schluss: Die innere Ampel schaltet auf Rot. Denn Anhalten und Aufhören ist nur die Kehrseite unserer heuristischen Regel Nr. 1: Iss nur dann, wenn du hungrig bist.
Dieses Signalisieren eines Endes aber kennen Übergewichtige nicht. Der Stopp-Mechanismus im Gehirn arbeitet nicht. Es gibt keine verlässlichen inneren Signalanlagen, die nach dem Essen auf Rot springen. Ergebnis: Der Übergewichtige isst weiter, obwohl er kalorienmäßig schon längst satt wäre. Die Nerven im Gehirn melden selbst nach eiweißreichen nahrungsmittel nach wie vor das Gefühl, was haben zu wollen. Die inneren Bilder von knusprigen Pommes oder süß-schmelzendem Eis haben sich auf Dauer im Kopf festgekrallt. Ein nie enden wollendes Verlangen wird zum Normalzustand und fetthaltige Lebensmittel dominieren Denken und Handeln. Das Zusammenspiel der körperlichen Systeme ist aus dem Lot geraten.

Was tun?
Wahrscheinlich ist ein Kuraufenthalt mit professioneller Betreuung als Startkick am wirksamsten. Mit Gesprächen zur Erkundung des eigenen Nahrungsempfindens und Ernährungsverhalten. Mit Achtsamkeitsübungen, die die Sinne und inneren Empfindungen schärfen. Außerdem trifft man hier auf andere, denen es ähnlich ergeht.
Schwierig jedoch wird die Rückkehr ins normale Leben. Nicht allein gelassen zu werden mit einem großen Kühlschrank, mit Vorratsschränken voller Chips oder einem funktionierenden Handy, das die nächtliche Pizzabestellung einfach macht.
Gemeinsam essen macht schlank. Die Gemeinschaft bringt den regelmäßigen Tages- (und nicht Nacht-) Rhythmus. Die Familienmitglieder und Freunde unterstützen die Kontrolle des Begehrens. Das Beispiel der anderen wirkt direkt und indirekt. Vielleicht sehen die Spiegelneuronen im Gehirn des Übergewichtigen das Sattsein der anderen. Und lernen. Das eigene Kontrollsystem springt wieder an. Beim gemeinsamen Essen mit Vertrauten pendelt sich vernünftiges Essverhalten ein.
Reinhard Neumeier, Oktober 2011
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