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Genießen bringt Nutzen - schlank bleiben - dem Affen Zucker geben (10) Drucken E-Mail

 

Wasser fließt aus einer Kelle auf heiße Steine. Der erhitzte Dampf schießt in die Höhe, breitet sich unter der Decke aus, senkt sich langsam, berührt und bedeckt Stück für Stück die Haut wie eine heiße Tuchent. Wer in der Saunakammer bis jetzt noch nicht geschwitzt hat - jetzt bilden sich Perlen auf der Stirne auch bei ihm.  Ah, endlich verlischt das rote Licht, das Zeichen für das Ende des Aufgusses. Nichts wie raus und abkühlen.

Das Schöne an der Sauna: Auch nach dem ersten Abkühlen bleibt man durchwärmt. Außerdem wird man vielleicht nach einem weiteren Durchgang -  diesmal in der Dampfkammer - etwas müde, aber locker und zufrieden sein. Hmhm, nicht ganz - der Körper hatte im Laufe dieser Saunagänge einiges Wasser verloren. Der Wunsch nach Flüssigem wird wahrnehmbar, kurz - Durst taucht auf.


Nun haben Sie die Chance, Umwerfendes zu erleben - das Großereignis dieser Stunden. Nicht in Form einer Bühnenshow eines Weltstars, nicht in Form eines Vier-Gänge-Menü-Essens in einem Zwei-Hauben-Lokal, sondern  ---  sondern in Form des Verzehrens einer wunderbar riechenden, biologisch oder sonst wie sanft-naturnah gezogenen Orange im Winter. Orange? Dieses gegenwärtige Allerweltsprodukt? Ja, wenn Sie es richtig machen. Dann gelingt das Genussereignis.

 

Jetzt als Durstender holen Sie aus Ihrer Saunatasche die vorsorglich mitgenommene Orange, nehmen diese orange Kugel in die Hand und freuen sich, was gleich kommen wird. Schauen Sie sie an, riechen Sie vor dem - eigenhändigen - Schälen vielleicht noch dran. So erhöht sich die Vorfreude weiter. Ein Messer zum Schälen zu verwenden wäre ok. Aber die wahren Könner und Genießer schälen die Orange mit den Fingern. So spüren die empfindlichen Fingerkuppen zum ersten Mal das Innere der Frucht. Sie registrieren mittels Finger und Nase, wie von der Schale kleine aromatische Spritzer wegschießen. Sie registrieren den köstlich-frischen Geruch.

Die Nerven senden diese Informationen ans Gehirn, dass sich Ihr Körper darauf vorbereiten kann. Informationen über das Anfühlen und Verspüren der Frucht, die Stück für Stück von der Schale befreit wird. Noch sind Sie durstig. Nun erwartet Sie der Höhepunkt dieser Mußestunden.

 

Schottland: Klassischer Zugspeisewaggon

 


Sie öffnen die nun schalenlose Kugel, zerlegen sie in Spalten, betrachten nochmal das glitzernde Orangerote einer Spalte und stecken sie in den Mund. Einmal vorsichtig hineinbeißen und fühlen, fühlen: wie die Spalte zerplatzt und sich die köstliche Fruchtflüssigkeit in den Mundraum ergießt. Endlich - Sie haben als Durstender die Quelle in der Wüste gefunden!

Bleiben Sie in diesem Augenblick. Erspüren Sie die verschiedenen Ereignisse und hervorgerufenen Geschmacksempfindungen in der Mundhöhle. Der Höhle, die nun ihre Genuss-Schätze öffnet. Einer Höhle, wie sie Alibaba und die 40 Räuber kannten: Goldtaler, Silbermünzen, Perlen, Diamanten. All das gehört nun nicht Alibaba, sondern Ihnen. Es gehört in diesem Moment Ihnen in Form explodierender Sinnesempfindungen, in Form wogender körperlicher Empfindungen und mentalen Entzückens.

Für einige Momente gehört das Paradies Ihnen. Wenn Sie es richtig gemacht haben, wenn Sie wirklich durstig  waren, wenn Sie achtsam und aufmerksam waren. Das Paradies für höchstens 50 Eurocent. Ist das nicht ein unwiderstehliches Angebot?

Voll den Genuss erleben, statt völlern. Essen im richtigen Moment auf die richtige Weise erleben. Genießen statt Reinschlingen. Bewusst und achtsam eine (oder zwei oder drei) Orange(n) zu sich nehmen statt Burgerberge gedankenlos reinmampfen. Schlank werden und bleiben statt zunehmen. Ist das nicht ein unwiderstehliches Angebot?

 

Δ

 

Unsere Vorfahren kannten das. 'Genießen' entstammt einer wichtigen indoeuropäischen Wortfamilie. Es  bedeutet, den Nutzen, Vorteil, Gewinn, den man ergreifen, erwischen, erreichen kann. Was man fängt und ergreift, gehört einem. Man verwendet es und hat Freude daran. Die Stammsilben sind noch erkennbar: Ge-nuss als Nutz-en. Genuss ist gleich Nutzen.

 

Um schlank zu bleiben, ist es ratsam, sich achtsam der Welt zuzuwenden und genussvoll zu essen und trinken. Dieses kleine, große Geheimnis schreiben wir als sechste heuristische Regel fest. Die kommenden zwei oder drei Blog-Beiträge werden Anleitungen für Genießenlernen enthalten. Genusstraining fürs Abnehmen.

In diesem Sinn: Viel Spass und Freude an der Welt!

Reinhard Neumeier, Dezember 2011

 

Zum ersten Teil der Serie

 

 


 


 
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