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Erinnern Sie sich an den letzten heftigen Schnupfen oder die – hoffentlich nur leichte – vergangene Grippe mit rinnender Nase? Was war das so Gewöhnliche und doch so Interessante hinsichtlich des Essens in dieser Zeit? Richtig – es hat nicht geschmeckt, es war einfach fad. Alles – auch die Lieblingsspeise - wurde eine Weile als eintönig und belanglos empfunden. Man hat es einfach gegessen, um zu Kräften zu kommen. Das war's auch schon. Dieses Nichtempfinden ist das Interessante: es ist das Gegenteil von Genuss! Und was kann man daraus lernen?
Dass unser Riechorgan – die Nase – das Haupteingangstor zum Geschmack und damit zum Genuss bildet. Riechen ist evolutionsbiologisch eine primäre, das heißt uralte Sinnesempfindung. Für unsere Vorfahren vor mehreren hundert Millionen Jahren stellte der Geruch vielleicht DAS erste, zumindest eines der ersten Sinneswahrnehmungen dar. Riechen bedeutet nicht nur Nase, sondern es ist ein ganzes System mit Nase als Sensor und dem Gehirn als Zentralcomputer. Genau genommen sprechen wir vom sogenannten limbischen System, das ist jenes naturgemäß ebenfalls sehr alte System im Hirn, das Emotionen regelt.

Warum aber schmeckt das Essen nicht? Weil der Gaumen nicht nur zur Nase benachbart liegt, sondern ebenfalls eng mit dem limbischen System im Gehirn verbunden ist. Also ohne Riechen kein Schmecken. Noch schlimmer: die Nase ist wichtiger als der Gaumen. Das Riechen ist das Primärerleben. Riechen zählt. Und noch schlimmer: Wir modernen Menschen vernachlässigen das Riechen. Wir kennen nur mehr wenige natürliche Düfte, sind aber von den vielen industriellen Düften umtrainiert worden: vom billig hergestellten Kunstduft in der Seife oder Duschgel, über aggressiv-grausliche 'Hammer'-Düfte in den Reinigungsmittel im Haushalt oder im Waschmittel bis zum künstlichen Aroma samt Geschmacksverstärker in den Nahrungsmitteln.
Was tun? Das Riechen wieder lernen, wieder intensivieren. Das ist das Zaubertor zu mehr Genuss.
Übung:
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Nehmen Sie sich 10 Minuten Zeit. Schauen Sie, dass Sie ungestört bleiben.
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Bereiten Sie in getrennten Schalen vor : eine Gewürznelke oder einen Sternanis und eine Packung ungeöffneten Kaffee (am Besten ganze Bohnen).
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Nehmen Sie nun eine Gewürznelke. Schauen Sie sie von allen Seiten an. Schließen Sie die Augen und führen Sie sie – langsam – in Richtung Nase.
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Lauschen Sie nach innen: Wann rieche ich die Nelke zum ersten Mal? Mit der Hand nicht mehr weiter zu Nase gehen. Was rieche ich? Kommt dieser Duft wehend wolkig daher? Woran erinnert dieser Duft Sie?
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Gewürznelke nun wieder von der Nase entfernen. Den Duft – innerlich (!) ausklingen lassen. Dem Duft nachsinnen.
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Kurze Pause.
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Nun nehme ich wieder die Gewürznelke, reibe sie durchaus etwas stärker zwischen Zeigefinger und Daumen, schließe die Augen und führe die Nelke wieder an die Nase heran. Vielleicht noch näher als das erste Mal.
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Was empfinde ich nun? Wie ist der Vergleich zu vorher? Heftiger, intensiver, aggressiver? Vielleicht schon zu stark? Achtsam sein – keine Empfindung ist gut und keine Empfindung ist schlecht. Jede Empfindung ist ok. Die Empfindungen selbst sind das Wichtigste!
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Nelke wieder absetzen und (bei nach wie vor geschlossenen Augen) dem Geruch nachsinnen. Wie er sich abschwächt und doch eine Weile buchstäblich 'in der Nase hängenbleibt'.
Nach einer etwas längeren Pause schneiden Sie die ungeöffnete Packung mit ganzen und hoffentlich frisch gerösteten Kaffeebohnen auf.
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Wieder die Augen zumachen und die Packung langsam zur Nase bringen. Vorsicht: der geballte, nun frei gelassenen Duft gerösteten Kaffees kann sehr sehr intensiv sein.
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Spüren Sie diese Intensivität! Lassen Sie sich Zeit.
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Wiederum: Wonach 'schmeckt' dieser Duft? Woran erinnert er sie? Gibt es ein Auf und Ab des Eindruckes? Vergeht er langsam? Welche optischen Eindrücke haben Sie (trotz geschlossener Augen): Braun? Röstfarben? Schwarz?
Probieren Sie diese beiden Übungen. Bauen Sie später vor dem Essen oder zwischendurch klitzekleine (für andere kaum merkbare) Kurzübungen ein. Wie Riechen vam Abrieb der Zitronenschale, an intensiven Ölen wie Kernöl oder kalt gepresstem Olivenöl,...
Der Lohn dieser einfachen Übungen ist groß: intensivere Geruchserlebnisse & verbesserter Geschmack & langfristig: Genuss pur!
Reinhard Neumeier, Jänner 2012
Zum ersten Teil der Serie
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