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Meine jüngste Tochter gräbt sich regelmäßig in Spaghetti mit Tomaten ein, gefüllte Paprika sind meiner Frau ein Gräuel. Ich wiederum liebe Kartoffelgulasch - mit Griessnockerlsuppe hätten mich Bushs CIA-Leute foltern können.
Nehmen wir an, außerirdische Biologen betrachten die Arten dieser Erde. Menschen würden sie eindeutig als Allesfresser klassifizieren: von Schnecken über Zwergdinosauriernachkommen (Vögeln) bis zu Riesensäugern (Rindern und Walen), von Algen bis zum Inneren von Palmstämmen – kaum etwas bleibt vor unseren Zähnen verschont. Jedoch die einzelne Person isst extrem wählerisch. Oder essen Sie geröstete Termiten, fette Maden, Fledermäuse mit Haut, Meerschweinchen gebraten am Stiel, Giftschlangen im Schnaps, gekochte Ratten oder eben noch lebendig gewesene Hunde? Viele Völker genießen das und leben gut damit.
Obwohl uns unzählige Gaumengenüsse dieser Erde offen stehen, ernähren wir uns einseitig. Generell verzehren sesshafte Menschen nur Teile weniger Pflanzen und ausgesuchter Tiere. Hierin offenbart sich unser geerbtes Dilemma: Weil wir alles essen könnten, müssen wir angeleitet werden. Denn Tiere und Pflanzen hatten sich nie angeboten: bitte esst mich. Ganz im Gegenteil, Tiere schlagen, kratzen, beissen, spießen ihre Räuber auf oder laufen davon. Pflanzen wehren sich mit ihren Waffen: sie lagern Gifte in Blättern, Früchten und Wurzeln ein. Biologen schätzen, dass die durchschnittliche Pflanze 40 bis 50 Pestizide entwickeln kann, um Angreifer abzuwehren. Roh und unbehandelt ist nur Weniges genießbar.
Unsere Gene und Körper wissen um die Gefahren des Essens. Kinder zeigen es deutlich. Sie verschmähen grundsätzlich alles Neue und treiben dadurch Mütter und Väter in die Verzweiflung. Sie wollen ihre Lieblingsspeise haben, und nur diese. Instinktiv wissen sie, wie gefährlich Neues sein kann. Unsere Ahnen entwickelten Verteidigungsstrategien gegen giftige Nahrungsmitteln: einen Widerwillen gegen bittere Sachen; einen Mechanismus des Erbrechens, falls Unpassendes bereits in den Magen gekommen war; das Eingreifen eines auf die Entgiftung spezialisiertes Organ im Inneren (die Leber); etc.
Unsere Vorvorfahren setzten zusätzlich ein spezielles Instrument ein: sie berichteten den Mitgliedern ihrer Horde sowohl vom erfahrenen Guten als auch erlebten Bösen. Die anderen profitieren dadurch und es entsteht Know-How in der Gruppe. Wir Menschen erlernen wesentliche Muster unseres Essverhaltens in der Gemeinschaft!
Die menschliche Methode, in einer gefährlichen Tierwelt und einer vor Gift strotzenden Umwelt zu überleben, heisst soziales Lernen: Lernen am Vorbild, Lernen durch Nachahmung von Verwandten, Gleichaltrigen oder Freunden. Indem wir das essen, was unsere Freunde essen, minimieren wir die Verletzungs- und Vergiftungsgefahr. Ähnlich wie Kaiser und Könige erst aßen, wenn ihre Vorkoster probiert hatten. Zahllose Generationen hatten sich mühsam unter Lebensgefahr ein Gewusst-Was, Gewusst-Wann und Gewusst-Wie erworben. Wo und zu welcher Jahreszeit wir was finden und wie wir es zubereiten sollen. Der Lohn von Mühe, Angst und Gefahr floss in die kulturelle Tradition ein.
Je mehr Personen miteinander essen, umso geringer ist das allgemeine Risiko. Auch darauf basiert die menschliche Vorliebe, in Gesellschaft zu essen. Jeder Diät Guru lebt davon. Weil es familiäre oder regionale Traditionen, die einem mitteilen, was und wie wir sicher essen können, kaum mehr gibt. Da zieht das selbstsicher vorgetragene Wissen Gurs und seiner Diät-Aposteln. Indem wir mal diese und mal jene Anleitung ausprobieren, heute Frau Doktor und morgen dem esoterischen Heiler glauben, gehorchen wir dem menschlichen, stammesgeschichtlichen Programm. Die modernen Vorkoster haben es anscheinend ausprobiert und überlebt. Wir folgen ihnen - unser genetisches Erbe nötigt uns dazu.
Ein autobiographisch angehauchter Artikel von Reinhard Neumeier. Mai 2009
Zum Artikel passend ein neusteinzeitlich-postmodernes Gericht:
Gefüllte Polenta
- Flüssigkeit: 1 l Suppe oder Milch
- Kohlenhydrate: 1/3 kg Maisgrieß
- Eiweiß: ½ kg Faschiertes, ¼ kg Mozarella, 10 dag Reibkäse, Rapsöl
- Gemüse: 1 große Zwiebel, ¼ kg passierte Tomaten
- Gewürze: 1 Bund Petersilie oder Basilikum, 5 bis 8 Oliven, 3 bis 4 Spalten Knoblauch, Oregano, Pfeffer, Salz
- Vorbereitungsarbeiten: Zwiebel schälen und in kleine Stücke schneiden. Petersilienblätter waschen und hacken. Mozarella in Scheiben schneiden.
- Kocharbeiten: in einem genügend großen Topf Suppe oder Milch auf den Herd stellen. Beim ersten Anzeichen des Aufkochens Maisgrieß einrieseln lassen und dick einkochen. Zischendurch ein Brett mit Grieß bestreuen. Darauf den Brei einige cm hoch aufstreichen und auskühlen lassen. Die nun gelierte Polenta in 1 cm dicke Scheiben schneiden.
- Brat- und Kocharbeiten: Die Zwiebelstücke in wenig Öl kurz anbraten. Faschiertes hinzufügen und längere Zeit anbraten. Mit Tomatensoße aufgießen. Gewürze hinzugeben. Diese Mischung wird bei deutlich geringerer Hitze (kleine Flamme) so lange köcheln gelassen, bis die Flüssigkeit großteils verkocht ist. Jetzt die geschnittenen Kräuter hinzumischen.
- Schicht- und Endarbeiten: Backrohr vorheizen beginnen (Zieltemperatur: ca. 180 Grad). Die Hälfte der Polentascheiben in eine gefettete Auflaufform geben (= Boden der gefüllten Polenta). Die Hälfte des hergestellten Fleischragout darauf schütten. Als nächste Schicht Mozarella und Oliven aufhäufeln. Anschließend mit restlichem Fleischragout bedecken. Nun das Ganze mittels der zweiten Hälfte der Polenta-Scheiben krönen. Den geriebenen Käse d’raufstreuen. Die gefüllte Auflaufform ins heiße Backrohr schieben. Ca. 30 Minuten backen.
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