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Sowohl gut als auch schlecht? Wozu dann das Ganze überhaupt - wäre ein Leben ohne Sinn daher nicht genau so brauchbar wie ein Leben mit Sinn? Hm, überlegen wir mal:
a) Sahen unsere frühen Vorfahren, Menschen der Altsteinzeit, einen Sinn im Leben?
Wir wissen es nicht. Vermutlich kaum derart, was wir heute als (zusätzlichen) Sinn des Lebens verstehen. Die äußeren Umstände sprechen dagegen: Durchschnittlich dauerte ihr Leben kaum mehr als 30 bis 40 Jahre. Vermutlich dachten sie an die Zukunft, an die nächste Saison, an kommende Wanderzüge der Tiere. Die verschiedenen Arten des Homo können das bereits, soweit wir das im Nachhinein zu beurteilen vermögen. Aber hauptsächlich lebten sie in der Gegenwart, denn Reserven und Vorräte gab es kaum. Sie lebten wohl direkt inmitten des Lebens. Das Leben selbst war der direkte Sinn.
Zu einem gewissen Grad ist dies aus heutiger Sicht beneidenswert, wenn wir die gegenwärtig häufig verzweifelte Suche nach Sinn bei vielen Menschen betrachten.
Unsere paläolithischen Vorfahren wurden geboren, starben häufig noch als Kind oder überlebten mit viel Glück Kälte, Hunger und Verletzungen durch Angriffe von Raubtieren oder anderen Menschenhorden. Sie jagten Wild, sammelten Wurzeln und Früchte. Sie waren, falls es die Umstände erlaubten, sexuell wohl ziemlich aktiv und vermehrten sich - sonst wären wir nicht hier. Kultur taucht seit einigen Jahrzehntausenden auf - Kultur wie Tanz und Schmuck und Malen und Herstellen von Musikinstrumenten. So wird mit allen Sinnen direkt die Umgebung aufgenommen, das geschenkte Leben in all seiner Fülle und möglichen Abenteuern wird gelebt und bewältigt. Das war das Beste, was Sie tun konnten.
Eigentlich beneidenswert. Buddhistische Mönchen trainieren ihr ganzes Leben, um das zu erreichen. Und viele Menschen der modernen Zivilisation ahnen zwischen den unendlich vielen Ablenkungen vom Leben, dass etwas Fundamentales fehlt.
Machen wir nun aus Vereinfachungsgründen einen großen Sprung in das letzte Jahrtausend.
b) Kannten unsere ständisch lebenden Vorfahren des mittelalterlichen Europas einen Sinn des Lebens?
Ja – einen: Auf ein besseres Leben nach dem Tod zu hoffen und genau dafür zu leben. Leibeigene, Knechte, Bauern und Handwerker wussten im Detail, was sie in ihrer streng geregelten Welt zu tun hatten und was nicht. Ein glückliches, erfülltes Leben war nicht vorgesehen (auch wenn sie es sich wohl oft genommen hatten). Viele lebten nach dem religiösen Modell: Hoffe auf ein besseres Leben im Jenseits und tue alles, um es zu erreichen. Sei religiös, brav und dem Pfarrer gehorsam. Richte dich, lieber Bauer oder Bürger, in diesem Korsett ein und nimm das Leiden als vorgegebenen Sinn.
c) Kannten unsere nahen Vorfahren im 19. und 20. Jahrhundert einen Sinn des Lebens?
Ja - die Idee, seinem Leben einen Sinn zu geben, nein besser: einen Sinn geben zu müssen, verbreitet sich. Das alte religiöse Modell war oft nicht mehr attraktiv genug. Die vielfältigen neuen Lebensmöglichkeiten, Anforderungen und Ungerechtigkeiten erforderten andere und passendere Ziele und Zwecke.
Dies galt insbesondere für das letzte Jahrhundert: Hieß das Modell Nationalismus, so beförderte man die eigene Nation und kämpfte aus vollster Überzeugung gegen andere. Wunderbar, dafür lässt man doch gern sein Leben. Hieß das Modell Ökonomie und Konsumismus, so strebte man nach Karriere oder gierte nach Geld. Wunderbar, nehmen wir als Finanzkapitalisten den Arbeitern und Angestellten das Weiße aus den Augen. Wunderbar, kaufen wir uns jeden Tag neue Sachen. Reiche, Luxuskinder und Konsumsüchtige haben Recht.
Alle sind nach einem bestrickend simplen Wertmuster gewebt. Diesen einfachen, aber attraktiven Verführungen verloren in den letzten Jahrzehnten an Anziehungskraft: Unglaubwürdig gewordene verheißungsvolle Jenseitsvorstellungen, blutige sinnlose Kriege, Wirtschaftskrisen, prekäre Jobs und Arbeitslosigkeit zerstörten jeden eindimensional konstruierten Lebenssinn.
Wie geht’s nun weiter? Brauchen wir Angehörige einer globalisierten und komplexen Welt einen Sinn des Lebens? Ja, eindeutig: ziellos, zwecklos zu leben und von anderen nicht anerkannt zu werden, verdirbt uns die Freude am Leben. Es macht uns depressiv.
Muss ein solcher Sinn jedoch einfach, kompliziert, persönlich oder temporär sein, um mir helfen zu können? Dies zu finden, ist heute eine der großen Lebensaufgaben des Menschen.
Reinhard Neumeier, Dezember 2009
Zum Teil 2 dieser Serie
Bild: Mit Bronze-Meißeln eingekerbte Hieroglyphen auf einer Stele im ägyptischenTheben
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