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Im ersten Teil skizzierten wir einige historische Modelle zum Sinn des Lebens: das religiöse, das nationale und das ökonomisch / konsumorientierte. Diese tradierten, im Grunde sehr simplen und rational meist in sich widersprüchlichen Modelle weisen Vor- und Nachteile auf.
Ein wichtiger, gemeinsamer Vorteil, falls man diese Modelle als Blaupause für seinen persönlichen Sinn des Lebens nimmt, ist das wohlige Eingebettetsein in einer großen, gleichdenkenden Menge. Ich bin Christ - du bist Christ; ich bin Moslem, du bist ein Moslem; ich bin ein Hindu, du bist ein Hindu; ich fahre eine Harley Davidson, du fährst eine Harley Davidson; ich bin ein Österreicher, du bist ein Österreicher: wie schön, wie schön, wie gut das tut. Wenn viele dasgleiche sind oder dasgleiche machen, muss doch was Wahres und Gutes drin stecken! So die verfehlte Annahme.
Bisweilen nämlich sind diese Modelle so radikal ego- oder gruppenzentrisch aufgebaut, dass sie das Leben andere Menschen zerstören. Sowohl der Nationalsozialismus vor zwei Generationen als auch der neoliberale Raubtierkapitalismus der Gegenwart belegen das deutlich. Das globale Verbreitetsein dieser Modelle zeigt weniger auf ein gutes, lebensspendendes und zufriedenstellendes Muster als auf das menschlichen Bedürfnis, dazuzugehören.
Zwei universelle Modelle kamen in den letzten Jahrzehnten zunehmend in den Blickpunkt, zwei Modelle, die direkt in der Entwicklung des Mensch als Lebewesen dieser Erde verwurzelt sind: Das (d) biologisch-kulturelle und das (e) ökologisch-nachhaltige.
Biologisch-kulturelles Modell: Über viele tausende (wahrscheinlich sogar mehrere zehn- oder hundertausende) Jahre, haben sich unsere biologischen Grundlagen gemeinsam mit den kulturellen Neuerungen entwickelt. Beispielsweise geht die - evolutionär gesehen - noch junge Fähigkeit, Milch als Erwachsene zu verdauen, Hand in Hand mit der Verbreitung von Viehzucht in Europa in den letzten vier- bis füntausend Jahren. Diese, zwischen Biologie und Kultur verzahnte Entwicklung hat für uns einen sehr grundlegenden Charakter. Wir nehmen auf jeden Fall an diesem Basisgeschehen teil, ob wir wollen oder nicht.
Ein aktuelles Anwendungsbeispiel ist die sogenannte Generativität nach Erik Erikson. Es kombiniert drei Bereiche: Evolution, Kultur und individuell-soziales Dasein. Im Rahmen eines persönlichen Reifeprozesses mit zunehmendem Alter kann man diese Stufe erreichen. Das Kennzeichen ist ein Kümmern um die nächsten Generationen. Dies kann auf unterschiedliche Weise geschehen.
Das unmittelbar Naheligende ist das Hervorbringen und Großziehen der eigenen Nachkommen. Das ist ein uraltes evolutionär entwickeltes Geschehen, das – in fast unendlich vielen Varianten – schon viele hunderte Millionen Jahre abläuft. Ohne diese Prozesse gäbe es uns nicht. Hier entsteht ein Erzeugnis, das auf das Unmittelbarste mit uns selbst zu tun hat. „Blut ist dicker als Wasser“, so ein bekanntes Sprichwort. Ein in den Kindern und Enkeln verwurzelter Lebenssinn ('eigenes Blut') wird mächtig in unserem Leben wirken und über Jahrzehnte, vielleicht das ganze Leben befriedigend bestimmen.
Generativität nach Erikson heißt jedoch mehr: Es kann ein Unterrichten anderer Menschen bedeuten, das Schaffen von Kunstwerken oder das Forschen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Eben alles, was für das Leben nachkommender, menschlicher Generationen verwendbar sein könnte. In dieser generativen Reifephase der Persönlichkeitsentwicklung (im Alter von vielleicht 30 Jahren und älter) sorgt man oft auch für andere, nicht direkt verwandte Menschen. Um im oben genannten Vergleich zu bleiben: 'Wasser ist ebenfalls lebensnotwendig'.
Viele Menschen richten – bewusst oder unbewusst – ihren Lebenssinn auf Basis dieses universellen biologisch-kulturellen Geschehens aus. Das Paradoxe, aber oft Nachgewiesene: Machen wir etwas für andere, lohnt es sich für uns selbst. Kurzfristig etwa durch das Phänomen des Helper's High: Im oder nach dem Prozess des Helfens erfährt der Wohltäter ein Stimmungshoch. Anschließend empfindet er häufig eine längere Phase innerer Ruhe. Anderen zu helfen, heißt eben auch, sich selbst zu helfen.

Ökologisch-nachhaltiges Modell: Es ist sowohl zukunftsorientiert als auch verhaltensorientiert. Es bezieht alles Leben, die umgebenden Systeme und seine Grundlagen mit ein. Diese Zukunftsorientierung ist neu für uns Menschen. Als Lebewesen mit einem Millionen Jahre alten nomadischen Erbe hatten wir eines gut gekonnt: „aus vorgegebenen Rahmenbedingungen, aus einer bestimmten Umwelt das Maximum herauszuholen – und dann weiterzuziehen“. Hochkulturen hinterlassen immer Zerstörung: abgeholzte, verkarstete Berge, Steppen und Wüsten statt ehedem fruchtbares Land. Und oft hatte die zerstörte Umwelt ihrerseits das Ende der Hochkultur bewirkt.
Entsprechend gestaltet sich ein Verhalten nach dem ökologisch-nachhaltigen Modell schwieriger als ein Verhalten nach biologisch-kulturellen Gesichtspunkten. Irgendwie scheint das unserer ererbten Natur zu widersprechen. So ist es nicht verwunderlich, dass ökologisches Verhalten derzeit noch ein reines Minderheitenprogramm darstellt – ob im persönlichen Alltag oder in globalen Klimakonferenzen. Es besteht kein Zweifel, dass in zwei bis drei Generationen ein Leben nach einem ökologisch-nachhaltigen maßgebend für die Bewohner unserer veränderten Erde sein wird. Wahrscheinlich leider sein muss.
Zwischenfazit:
Ein Sinn des Lebens, der sich aus den erwähnten einfachen Modellen speist, greift irgendwie 'zu kurz'. Lebenssinn aus lebensnäheren, aber komplexen Modellen greift für viele 'zu weit'. Was können wir daher in unseren vielfältigen modernen Welt tun? Und wie gehen wir hierbei vor?
Mögliche Antworten werden im dritten und vierten Artikel dieser Reihe skizziert. Bleiben Sie dran!
Reinhard Neumeier, Jänner 2010
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