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Massvoll sein: Sinn des Lebens Drucken E-Mail

Sizilien Landwirtschaft


Atmen, essen, trinken, sich ärgern und wieder freuen, lieben, kämpfen, schlafen, Kinder kriegen und erziehen, krank sein, gesund werden, bauen und niederreißen, nachdenken, fühlen,... all das heißt leben.

Sinn nennt man jenen tatsächlichen oder gedachten Zusammenhang, der diese Tätigkeiten, Gefühle und Zustände verbindet. Ein Sinn verweist auf dieses Gemeinsame, auf den untergründig leitenden Code des eigenen Tuns und Seins.

Es gibt viele Modelle, die einige Elemente dieses Codes hervorheben, dafür andere Elemente ignorieren. Betrachten wir als zentrales Element das Ich, so gibt es drei Gruppen:

  1. Modelle, die nur das gegenwärtige und eng gefasste eigene individuelle Leben betrachten

  2. Modelle, die in Maßen über den eigenen Lebenslauf hinausgehen

  3. Modelle, die über alle Maßen über das eigene Leben hinausgehen

 

Besprechen wir die Extreme zuerst – also den 1. und 3. Punkt.

Zur 1. Gruppe: Hier inkludieren die Modelle nur den eigenen Leib, nur das solitäre, alleinstehende Ich. Der Ausdruck Sinn des Lebens wird in diesem Zusammenhang als unpassend empfunden. Mit Modellen aus dieser Gruppe verbindet man beispielsweise Nutzen oder direkte, vom eigenen Körper ausgehende Lust.

Es geht nur (!) um ein Jetzt, um ein trabantenloses Selbst. Irritiert würden wir aufblicken, sagte jemand, der Sinn seines Lebens besteht aus ihm selbst. Irgendwann ist er ja vergangen – und damit wäre auch sein Sinn weg. Spätestens mit seinem Tod stellt sich sein Leben auch für ihn als sinn-los dar. Das, was es aus äußerer Sicht schon immer gewesen war.

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Zur 3. Gruppe: „Über alle Maßen“ - die Benennung sagt bereits alles: Diese Modelle setzen ihre Inhalte absolut. Hier geht es um oberste und äußerste Fragen des Daseins. Dass hier sogenannte letzte Fragen behandelt werden, wird behauptet. Und Instant-Antworten hierauf werden natürlich sofort serviert. Alles außerhalb dieser Antworten zählt nun nicht mehr. Es ist ja so winzig klein und unbedeutend.

Denn nun tritt der geglaubte Fels ewiger Wahrheiten zutage. Und rundherum tanzen Missionare und Fundamentalisten. Sie fangen Seelen und hindern andere daran, ihr Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Kein Wahn ist zu offensichtlich, um nicht am Altar einer vermeintlich überlegenen Nation, Rasse, Klasse oder Religion geopfert zu werden. Sie sprengen sich und andere auch in die Luft, nur um in ihr phantasiertes letztes und endgültiges Paradies zu kommen.

Aber was ist das nur für eine mentale und emotionale Anmaßung: Sein einziges Leben zur Gänze einem und nur einem – intellektuell nahezu immer völlig anspruchslosen - Modell zu unterwerfen! Personen, die alles (also dieses, ihr eigenes jetziges und vielleicht einziges Leben!) auf ein Karte setzen, sind vergleichbar mit Zockern, die ihr ganzes Vermögen auf eine konkrete Zahlenreihe einer 6-aus-45-Lottowette setzen.

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So bleiben als tragende Lebensphilosophie nur jene Modelle übrig, die

zur 2. Gruppe gehören: Hier zeigt ein Sinn des Lebens etwas über das eigene Leben hinaus. Etwas. Etwas bedeutet weder Gar-Nicht noch Unendlichkeit! Diese Modelle inkludieren das eigen Leben und zeigen dennoch weiter. Sie besitzen eine Relativität zum eigenen Leben: Sowohl das eigene Leben als auch jenes von anderen ist wichtig, ist schützens- und unterstützenswert. Gegenwart und Zukunft werden in Betracht gezogen.

Der Sinn hier ist nur scheinbar ein bescheidener. Jeder persönliche Sinn, der sich aus diesen Modellen schöpft, ist anspruchsvoll: Es gilt, über das Ich hinauszuwachsen, ohne sich zu verlieren oder zu opfern. Ich kümmere mich um mich UND um andere. Ich kümmere mich um das eigene Gärtchen UND um die Region UND vielleicht noch mehr. Dieser gemäßigte Sinn verschafft Glücksgefühl und Freiheit. Der Mensch bindet sich ein in die gegenwärtige und die zukünftige Welt. Und kann so auch in seinem Umfeld viel erreichen.

 

Ein In-Maßen weist auf vielen Ebenen positive Eigenschaften auf. So gilt für die Verwirklichung des Sinn des Lebens das gleiche wie für das Streben nach Glück. Wer Glück immer und verbissen nachjagt, wird es verfehlen. Wer ununterbrochen den Sinn dingfestmacht, wird das Leben verfehlen.

 

Reinhard Neumeier, Jänner 2010

Bild: Sizilien (2002): Kleinteilige Landwirtschaft und (angedeutete maßlose) Monokultur

 
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