|

Iiihh - Religion als Modell ansehen? Klein und herzig anzuschauen wie Modelle eines Porsche oder des Pariser Eiffelturms? Kommunismus, Nationalismus oder radikaler Kapitalismus sollen sich in abgemagerten Denkgebäuden - eben Modellen - abbilden lassen?
Intellektuell JA und emotional NEIN.
JA - weil eine Modellbetrachtung die Augen öffnet für menschliche Dauerphänomene. Ja, weil sich das Instrument Modell als eines der erfolgreichsten Werkzeuge in Wissenschaft und Technik erwiesen hat. Ja, weil sich dieses Werkzeug einfach herstellen lässt: Man nehme einige Elemente, gebe dazu Annahmen zu ihren Eigenschaften und den Verbindungen und untersuche Abläufe. Jetzt erst werden mögliche Passungen in die Wirklichkeit untersucht.
Dieses zweistufige Vorgehen (abgehoben und abstrakt, dann konkret und wirklichkeitsnah - bei genügend Übung auch umgekehrt) kann neue Einblicke verschaffen, so seltsam es klingen mag. Gerade eine solche Vorgehensweise verspricht neue Erkenntnisse in alten kulturellen Massenströmungen.
Emotional NEIN - weil die Zughörigkeit zu einer Nation oder einer Religion bis weit ins 20. Jahrhundert selten das Ergebnis einer freien, rationalen Entscheidung des Einzelnen war. Für zahlreiche Generationen war das Gegenteil wahr: Wir wurden als Österreicher, Deutsche oder Schweizer geboren und wuchsen als Katholiken, Protestanten und nur selten als Freigeister heran.
Nun bedeutet jede Geburt einen Anfang in einer nicht gewählte Umgebung. Eltern, Großeltern, Geschwister, Nachbarskinder, Priester, Lehrer, Handwerksmeister und Arbeitskollegen formen den Heranwachsenden. Sie hinterlassen tiefe mentale und emotionale Spuren im Selbst. Eine übermächtige Gesellschaft zwingt dem Kind ihre Kultur in Form ihrer jeweiligen Modelle des Lebens und des Sinns auf. Nein, Religion wählt man nicht freiwillig. Nein, in der abendländischen Tradition sucht sich niemand sich die Nation aus. Man wird in sie hineingeboren.
Δ
Wie Jungfische mit nährendem angehängten Dottersack beginnen wir unser Leben mit einer großen Packung an emotional verfestigten Gedankengebäuden und Handlungsanleitungen. Diese „-ismen“ wurden uns von der nahen gesellschaftlichen Umgebung eingepflanzt und eingehämmert:
-
Für die meisten Deutschsprachigen der in den 1920- und 1930er Jahren Geborenen waren Ideen "von Zugehörigkeit zu einer überlegenen Rasse", von "naturgegebener Über- und Unterordnung", von "Pflicht und Tugend" sowohl Muttermilch als auch eingebläute Wahrheit zugleich.
-
Das mühsam zu erringende ewige Heil im Jenseits prägte die in den fünfziger Jahre am Land Geborenen. Dieses Streben war intensiv von "Sünde", "Beichte", "Kirchgang" und "Prozession" im Diesseits begleitet.
-
Die in den siebziger und achtziger Jahren (im mäßigen, aber stabilen Wohlstand) Geborenen wurden groß, als der Funktionsbereich Wirtschaft Schritt für Schritt alle anderen Lebensbereiche unterjochte. Menschengemachte "Marktgesetze von Angebot und Nachfrage" werden nun als übergeordnete Wahrheiten angesehen. Der primitive Merkantilismus des 17. und 18. Jahrhunderts lebt in digital modifizierter Form wieder auf. Anstelle der Unterdrückung von Bauern und Leibeigenen gibt’s prekäre und niedrig entlohnte Dienstverhältnisse für Arbeiter und Angestellte. Das individuelle Leben gerinnt zu einer kommerziellen Nutzenbilanz ohne weiteren Zweck und Sinn.
Diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Erbmassen bestimmen die meisten Menschen ihr Leben lang. Sie variieren nur im Laufe der Zeit. Das jeweilige Erbe schließt ein spezifisches Sinn-Erbe mit ein. Unsere Umgebung hatte für uns vorgefühlt und vorgedacht. Und damit fremdbestimmte Ziele und Zwecke vorgegeben. Ohne zu merken, kleben wir im umgebungstypischen Gedankengespinst wie Fliegen am Honigstreifen. Und ernten als Lohn für ein gefügiges Leben die Fähigkeit der Überlebenstauglichkeit in der herrschenden Kultur. Und zahlen als Preis ein kanalisiertes Leben mit geringen Optionen.
Das Werkzeug Modell hilft, diese Gespinste, diese Sinn-Netze durchsichtig zu machen. Modelle helfen, die Chancen für ein sinnvolleres Leben zu erhöhen:
- sie machen gewohnte Sinn-Strukturen transparent,
- sie stellen bisherige Sinn-Strukturen auf eine neue rationale oder auch neue emotionale Grundlage,
-
sie lassen zu, ja bieten sogar an, den Sinn-Gehalt des eigenen Tuns zu variieren oder neu aufzubauen,
-
sie kombinieren gewohnte Sinn-Gehalte mit den Inhalte anderer Modelle.
Diese Möglichkeiten sind für das moderne, sich laufend ändernde Leben von unschätzbarem Wert. Oder betrachten wir das therapeutische Geschehen: Ohne die oben genannten Fähigkeiten würde es kein Weiterkommen geben.
Das schreibt sich leicht und tut sich schwer. Wie befreit man sich vom jahrzehntelang antrainierten und eingeprägtem Erbe? Wie wirft man eingehämmerte Ideologien ab? Wo sie doch Teil des persönlichen und sozialen Ichs geworden sind? Wenn doch die Sicherheit schwindet, falls der eingelernte Sinn (wie und wofür zu leben) wegfällt. Weil doch die meisten traditionellen Modelle Ideologien der Einfachheit und Unterwerfung - und deshalb so attraktiv - sind. Sie bieten Geborgenheit im gegenwärtigen Meer des Unüberschaubaren und Wandels. Sie bieten (vermeintlich) stabile Orte des Lebens. Jeder Stammtisch, jedes Kaffeekränzchen, jeder Kommentar in Boulevardzeitungen zeugt davon.
Jeder muss die Errungenschaften der europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts, der Erhellung des Verstandes, noch einmal neu aneignen. Ohne Kritikfähigkeit und Selbstreflexivität nämlich geht nichts. Leider widersprechen diese Fähigkeiten dem aktuellen Mainstream, dem derzeitigen Zeitgeist. Diese Fähigkeiten lassen sich nur langfristig und mühsam erwerben. Und doch entstehen daraus neuen Freiheiten, das Leben sinnvoll zu gestalten. Unerwartet öffnen sich Wege. Ein Nachdenken über involvierte Ideologien im eigenen Leben trägt Früchte: Erreichte neue Horizonte führen wahrscheinlich zu sinnhältigeren Jahren im weiteren Leben.
Reinhard Neumeier, Februar 2010
Bild: Säule mit Partezetteln in Kreta
|