Eine mir anvertraute Lebensgeschichte liest sich so: Während meines letzten Urlaubs auf einem Südtiroler Bergbauernhof, erzählte mir die 80-jährige Bäuerin Folgendes:
Ihr Mann hatte den Hof geerbt. Sein jüngerer Bruder hatte ebenfalls jahraus jahrein und von früh bis spät am selben Hof gearbeitet. Er wollte auch heiraten und bat den Bauern, seinen Vater, um ein Stück Land. Er bekam jedoch nichts und verließ - arm wie eine Kirchenmaus – den Hof. Er suchte Arbeit in der Stadt.
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Kommentar: Für den jüngeren Sohn war dies ein Lebensdrama, für die Erhaltung der ökonomischen Überlebensfähigkeit des Hofes absolute Notwendigkeit. Heiraten konnten herkömmlicherweise nur jene, die bereits über Besitz verfügten. Die Familie war eine totale Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft, zu der Knechte, Mägde, Handwerker, Arbeiter oder Hausangestellte gehörten. Gefordert waren unbedingter Gehorsam, Loyalität und pünktliche Pflichterfüllung. Heiraten und eine eigene Familie gründen aber durften und konnten die meisten nicht.
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Eigene Lebensgeschichte I: Der nächste Schauplatz unserer lebensgeschichtlichen Zeitreise ist Wien. Die Hauptdarsteller sind »waschechte« Wiener, also Einwanderer aus Böhmen. Ich spreche von meiner Familie. Einige aus der Familie meines Großvaters wanderten nach dem 1. Weltkrieg nach Wien. Sie suchten nur Arbeit in der Metropole - und fanden ein neues Zuhause. So auch mein Großvater. Er wurde Straßenbahnfahrer. Großvater heiratete, seine Frau starb vier Jahre nach Geburt einer Tochter. Als er beschlossen hatte, wieder zu heiraten (es gab ja ein vierjähriges Kind im Hause), brauchte er nicht lange zu suchen.
Er hatte eine kinderfreundliche und zuverlässige Frau in der Schwester seines Freundes gefunden. Sie war Kindermädchen von Beruf – ideal!
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Kommentar: So einfach und dennoch zielführend war die Gründung einer Familie noch in der Zwischenkriegszeit gewesen. Kommentar: Wirtschaftliche und soziale Veränderungsprozesse führen zu einem neuen Familienmodell. Die industrielle Entwicklung gab den Männern die Chance, außerhalb von Haus und Hof Geld zu verdienen. Die Frauen kümmerten sich um die Kinder und sicherten den Zusammenhalt der Familie. Soziologen bezeichnen das als traditionelles Familienmodell.
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Eigene Lebensgeschichte II: Meine Mutter erlernte bereits einen Beruf, der nicht bloß eine Professionalisierung der überkommenen Frauenrolle darstellte. Nein, sie wurde Bilanzbuchhalterin. Unmittelbar nach der Hochzeit führte sie die Buchhaltung im Geschäft meines Vaters. Ihr größter Wunsch war, eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. Mit meiner Geburt beendete sie ihre Berufstätigkeit. Ich war der Mittelpunkt ihres Lebens. So wuchs eine »Prinzessin« heran (seufz).
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Kommentar: Ab 1950 kehrten die Frauen nach ihren Tätigkeiten in den Fabriken während und unmittelbar nach dem Weltkrieg wieder zum Herd zurück. Parallel dazu änderte sich bei vielen die Motivation zur Familiengründung. Heiratsziel ist, Kinder zu bekommen. Das umsorgte und bisweilen einzige Kind stiftet Lebenssinn.
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Eigene Lebensgeschichte III: Ich heiratete mit 21 Jahren und war fest davon überzeugt, meinen Prinzen gefunden zu haben. Zwei Töchter wurden geboren. Nach und nach wurden wir beide mit dem Ehealltag und vielerlei (absolut üblichen) Problemen konfrontiert. Prinz und Prinzessin stießen einander vom Podest. Wir waren überfordert, wussten nicht, wie ein Paar sinnvoll streiten und zu gemeinsamen Lösungen gelangen kann. Nach 23 Jahren Zusammensein (davon 19 Ehejahren) trennten wir uns. Das Auseinandergehen erfolgte einvernehmlich und – Gott sei Dank – respektvoll.
Kommentar: Nicht mehr das Kind steht im gesellschaftlichen Mittelpunkt sondern die Maximierung des erlebten individuellen Glücks. An die Beziehung werden höchste Ansprüche gestellt. Wenn sie das nicht mehr liefert, wird sie ausgetauscht. Das Experiment und das Suchen beginnt vorn vorne.
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Wie werden unsere Kinder handeln? Ob sie aus unseren Erfahrungen lernen? .
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(Dipl. Partner-, Ehe-, Familien und Lebensberaterin)
Bild: Budapester Bahnhof am Morgen
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