Ganzheitliches Counseling in Wien Nach Kategorien Psychologie & Gesellschaft Das illusionierte ICH als hilfreiche Projektion von Billionen Zellen: Heitere Ameisenkolonie (3)

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Das illusionierte ICH als hilfreiche Projektion von Billionen Zellen: Heitere Ameisenkolonie (3) Drucken E-Mail
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„Achtung - gleichzeitig: Ziiiiehen! Stopp – nun loslassen. Achtung - wieder alle: Ziiiiehen! Loslassen“.
Gemeinsam ziehen sie und lassen auf Kommando los. Zur gleichen Zeit werden sie kleiner und kehren zur Ausgangsgröße zurück. Fein aufeinander abgestimmt arbeiten sie - wie Musiker koordiniert im Orchester spielen. So arbeiten Muskeln. Ameisen bilden auf diese Weise gemeinsam einen Muskel. Menschliche Muskeln funktionieren aufgrund von abgestimmten Anstrengungen kleinster Lebewesen. Lebewesen, deren Ahnen vor einer Milliarde Jahren einzeln und unabhängig voneinander gelebt hatten.

Ich, du, sie - wir alle bestehen aus Billionen ehemals einzeln lebender Wesen. Ah – werden spätestens jetzt die Leser denken, hier sind Zellen gemeint. Eher nein als ja! Denn der Begriff Zelle weist in die falsche Richtung. Mit Zelle assoziieren wir 'Element' im Sinne eines Ziegelsteines, als unterstes Element. Das Wort Zelle ist in unserer westlichen Kultur assoziiert mit materieller, unbelebter Basis.

Die meisten überkommenen Konzepte vom Menschen beruhen auf folgender Ansicht:

1. Es gibt einen Körper = eine Zusammenstellung vieler Zellen = ein Aufbau vieler toter Ziegelsteine.

2. Es gibt einen davon unabhängigen Geist, eine Seele, die zufällig diesen Bau toter Ziegelsteine bewohnt.

Kaum etwas ist trügerischer als diese beiden Punkte. Denn es sind hochlebendige (Zell-)'Ameisen', die gemeinsam Lasten tragen. Lebende Zellen, die sich - ameisengleich - zu spezialisiertem Gewebe vereinigen und in der Folge zu Organen wie Leber, Niere oder Lunge werden. Rote-Blut-'Ameisen' wuseln durch die gesamte Riesenkolonie, die wir den Körper nennen. Sie versorgen andere Zellameisen, die lokal stationär bleiben. Sie bringen Futter und nehmen Abfall mit.

Was wir Immunsystem bezeichnen, sind (unter anderem) unterschiedliche Arten von Soldaten-'Ameisen', die gegen Eindringlinge kämpfen. Was sich lokal tut – ob etwas angenehm ist oder schmerzt – es sind Nerven-'Ameisen', die andere Stellen in dieser Riesenkolonie informieren.

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Um als Zusammenschluss unzählbar vieler Zell-'Ameisen' zu funktionieren, um als Patchworklebewesen zu überleben, entstanden im Laufe der Jahrhundertmillionen elementare innere Kommunikations- und Abstimmprozesse. Einige dieser Prozesse laufen automatisch ab, andere weniger. Zur automatischen Kategorien gehören Hunger, Durst, Müdigkeit, aber auch Instinkte, Gefühle, Gewohnheiten. Sind solche Regungen aktiviert, unterwerfen sich andere Subsysteme einem übergeordeten Ziel. Und das Patchworklebewesen meint nun, 'es' hat Hunger oder Durst. Wonach das Riesenwesen anschließend als Ganzes versucht, diesem Mangel abzuhelfen.

In die Kategorie der weniger automatisch ablaufenden Prozesse gehört das Ich. Im Laufe von vielen Jahrmillionen entwickelten sich erstaunliche Überlebenswerkzeuge: Lange vor dem 20. Jahrhundert entstanden neue Projektionsverfahren, die besser und täuschender sind als jeder aktueller Kinoprojektor oder Beamer: das ICH, MICH oder SELBST. Milliarden Nervenzellen erzeugen diese Vor-stellungen eines SelbstSeins, eines EigenSeins.

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In diesen inneren Projektionen laufen ähnliche Illusionsprozesse ab wie in einem charismatischen Redner. Manchen Menschen gelingt es, im Laufe des Redens zunehmend davon selbst überzeugt zu sein, was er soeben gesagt beziehungsweise erfunden hatte. Der Patchworkgoliath, dessen Untersysteme sein Ich erzeugen, weiß ohne Zweifel, er ist ein Ich. Und das Verblüffende daran: Das illusionierte Ich spürt sich als Mich wirklich und real!

So exzellent funktionieren diese Prozesse, dass der Mensch der eigenen Projektion auf den Leim gehen: Täglich, minütlich, in jeder Sekunde. Der universelle Grundtrieb des Lebens - auf jeden Fall am Leben zu bleiben - wirkt übermächtig. Der Fundamentaltrieb ist so stark, dass weit über das Ziel hinausgeschossen wird: Das (illusionierte) Ich verlangt nach einem (illusionierten) Fortleben nach dem Tod.

So entstand die Grundlage von Religion, Spiritismus, Aberglaube, Okkultismus,..  Rational und von außen gesehen speist das illusionierte Fortleben des illusionierten Ichs den Wahns von Milliarden Menschen. Jeweils von innen gesehen aber erscheint der Glaube eben diesen Milliarden als unbedingt notwendig zum 'hiesigen' Leben.

Unzählbare Mythen, Legenden, wissenschaftliche Theorien, Kultur- und Glaubensvorstellungen sind Ergebnisse unserer überschießenden inneren Projektion. Mit diesem Überschießen kommt der Patchwork-Goliath in der realen Alltagswelt gut zurecht. Aber essentielle Fragen unseres Lebens (Was sind wir Menschen? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?) werden jetzt eindeutig falsch und damit häufig nachteilig für eine sinnvolle Lebensführung beantwortet.

 

Reinhard Neumeier, April 2010

Zum vierten Teil der Serie

 
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