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Migration: Bist du ein Kind des 19./20. Jahrhunderts ... ? (1) Drucken E-Mail


Wir sind die Müllers oder Meiers - ein Familienverband samt Onkel, Tanten und Neffen. Sind wir auch Deutsche? Wenn ja, warum und was macht uns dazu?

Die Antwort: Der Nationalismus - die große Wahnidee des 19. und 20. Jahrhunderts. Dieser Herzen und Hirne überschwemmende Spuk brachte in den letzten vier Generationen weit über hundert Millionen Tote hervor. Und vertrieb Dutzende Millionen Menschen aus ihrer Heimat. Die Uridee war simpel. Sie bestand darin, das bessere Volk sein zu wollen. Das auserwählte, das reine, das gesündere und das stärkere Volk.

Einige Merkmale (Sprache, Glaube, Esssitten,..) waren im Zuge dieser Entwicklung hervorgehoben, andere ignoriert worden. Das führte zu einem wachsenden Gefühl, etwas Höherem und Besseren zugehörig zu sein. Etwas, das jenseits des traditionellen Lebenskreises von Familie, Dorf oder Stadt war. So wurden im Laufe der Jahre Schritt für Schritt aus Menschen und Nachbarn Ungarn, Franzosen, Deutsche oder Serben.

Dichter, Philosophen, Volkstribune und Stammtischredner benutzten mächtige Gefühle wie Angst und Stolz, um andere von dieser Idee zu überzeugen. Mystisches wurde aus der Vergangenheit hervorgekramt. Je öfter von diesen Fabeln und Mythen gesprochen wurde, umso stärker wurde das neue Gefühl, Angehöriger einer besonderen Kultur zu sein. Und so einfach hatte man eine Vorzugskarte fürs Leben erhalten: Man brauchte ja nur geboren zu sein. Eine weitere eigene Leistung war nicht mehr nötig.


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So wurde aus Familien, Sippen, Dörfern, Städten und kulturellen Verbänden eine neue Einheit. Aus Ethnien, die bisher miteinander nachbarschaftlich und oft friedlich gelebt hatten, wurden Nationen. Selbsterhöhende und gleichzeitig andere herabwürdigende, einander bekämpfende und schließlich hassende Nationen. Eine riesig gewordene Strömung der blinden Bevorzugung des Eigenen bekämpfte nun das nachbarliche Fremde. Das Land soll ja sauber und rein werden, das Fremde beschmutzt es nur. Dummerweise glückte das meist nur für Jahre oder Jahrzehnte. Ströme von Blut, Berge von Leichen stellten sich langfristig als sinnlos heraus.

Jede Ethnie erlebte dieses Geboren-Werden (Nation-Werden) anders. 1808 hielt der politische Philosoph Johann Gottlieb Fichte seine 'Reden an die deutsche Nation'. Er verkündet, dass die Deutschen das sittlich am höchsten stehende Volk sei. Und weil sich die Germanen als deutsches Urvolk gegen die Weltherrschaft der antiken Römer behauptet hätten, seien sie für eine baldige Weltherrschaft bestimmt. Uns erscheint dies heute befremdlich. Weil wir eben das Tollwütige in dieser Idee erfahren haben.

Ähnlich entwickelten sich andere Kulturgemeinschaften zu Nationen: Kleine sprachliche Unterschiede werden zu großen Unterscheidungs- und Bevorzugungsmerkmalen erklärt. Ereignisse und Schlachten vor 700 und 1000 Jahren werden in ihrer Bedeutung aufgebläht. Viele waren plötzlich stolz, in einem auserwählten Volk geboren worden zu sein. Knackige Reden und Uniformen wurden bejubelt.


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Menschen gingen ihrem Tagwerk, ihrer Arbeit nach, wachten eines Morgens auf und waren plötzlich Geknechtete in der eigenen Heimat geworden. Mächtige hatten Grenzen verschoben  - über die Köpfe der Betroffenen hinweg. Existenzielle Machtverhältnisse hatten sich geändert. Über den Menschen gab es neue Herren. Und neuen Herren drangsalierten, nationalisierten und unterdrückten sie.

Oder Menschen wachten auf und waren Angehörige eines Herrenvolks geworden. Herr-lich, nun konnte man auf andere hinuntersehen. Und bemerkten nicht oder wollten nicht bemerken, dass die ehemaligen Nachbarn ihres Lebens nicht mehr froh wurden. Güter wurden enteignet, Familien verjagt. Und vier Jahre später wachten sie auf und die unterdrückten Nachbarn hatten die eigenen Männer, Väter oder Klassenkameraden erschossen. Und Frauen und Kinder verhungerten anschließend in Lagern.


An den Früchten sollst du sie erkennen: Das sinnlose Hin und Her, ein riesiges Meer unermesslichen Leides, die Vertreibung und Vernichtung der Nachbarn. Das war das Ergebnis des Nationalismus, der Idee, dass das Eigene besser sei. Wir alle tragen das Erbe. In diesem Sinne sind wir alle Kinder des 19. und 20. Jahrhunderts.


Reinhard Neumeier, Juli 2010

Literatur: Winkler H., Die Geschichte des Westens, 2009


 
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