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Migration: ... oder bist du ein Kind des 21. Jahrhunderts? (2) Drucken E-Mail


Europa auf dem Globus


"Sitzen ein Engländer, ein Franzose und ein Österreicher in einem Boot. Sagt der Engländer ..."  - Schon lange habe ich Witze dieser Art nicht mehr gehört.

Diese Sorte von Witzen schlachteten negative Klischees gegen einzelne Nationen aus. Über andere wird (schon mal gehässig) gelacht, die eigene Nation wird listig-witzig als die bessere dargestellt. Solche Witze hörte man in den Nachkriegsjahren oft. Die jetzigen Jungen kennen diese Witze kaum mehr. Sie haben nichts versäumt. Ganz im Gegenteil: Der Nationalismus - die große Gehirnwäsche für die Generationen zwischen 1800 und 1950 - hat die meisten der gegenwärtig Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr erreicht.

Man weiß über die Vorurteile der anderen Nationen nichts mehr. Daher kann niemand mehr darüber Witze machen. Ein Zeichen, dass der Nationalismus nachgelassen hat. Eine wunderbare Entwicklung. Wir Europäer hatten uns ans Folterrad des Nationalismus fesseln lassen. Die Jungen haben sich großteils davon befreit. Welch ein Segen!

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Natürlich kommt man von so einem einfachen wie packenden Wahn nur langsam los. Er ist so schön bequem: Keiner braucht eine eigene Leistung geboten zu haben. Nur hier geboren zu sein, reicht. Und schon denkt man - quasi behördlich - beglaubigt, etwas Besseres und Größeres zu sein. Ein Instantgrößenwahn, der sich zuerst gegen andere richtet, um dann wie ein Bumerang das Eigene zu treffen. Die jetzt Lebenden konnten diesen Wahn und die automatisch damit zusammenhängenden Folgen in den 1990er Jahren bei den yugoslawischen Nachfolgestaaten beobachten. Momentan scheint Ungarn eine (hoffentlich nur mäßige) Wiederholungsrunde zu drehen. Wir werden sehen.

Gar nicht mäßig führte sich in Mitteleuropa das Dritte Reich auf: "Im 2. Weltkrieg war Deutschland Motor und Zentrum der europäischen Zwangsaussiedlungen. Es war nur deshalb in der Lage, den 2. Weltkrieg beinahe 6 Jahre lang zu führen, weil es den Krieg von vornherein als Raub- und Beutekrieg geplant hatte und durchführte"*).


Das Ergebnis des zweiten Weltkrieges im Osten: Die 700 Jahre währende Auswanderung deutscher Siedler in den Osten und Südosten Europas wurde durch die Vertreibung der Nachkommen dieser Siedler schlagartig rückgängig gemacht. Das Ergebnis im Westen: In den USA sagten sich die zahlreichen deutschen Aussiedler des 19. Jahrhunderts und ihre Nachkommen von einer Kultur los, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollten. Sie gaben die deutsche Sprache auf und anglifizierten ihre Namen. Daher das Fazit am Ende des vergangenen zweiten Jahrtausends: Die Ausbreitung der deutschen Kultur und Denkweise war außerhalb ihres mittelalterlich-mitteleuropäischen Siedlungsgebietes fehlgeschlagen. Irgendetwas in der germanischen Blut- und Bodenmentalität stößt andere ab.


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Und nun folgte das Unglaubliche: Wer hätte sich nach zwei verheerenden Weltkriegen und dem Kalten Krieg vorgestellt, dass osteuropäische Staaten und sogar ehemalige Sowjetrepubliken friedlich in die Europäische Gemeinschaft integriert würden? FRIEDLICH! Ohne Propagandagetöse, marschierende Armeen, Bomben und Granaten? Ohne totalen Krieg, ohne Kämpfe, ohne Blutvergießen?

Was bewirkte diese Wunder? Was bewirkte die Integration von gerade noch verfeindeten Ländern? Wie war ein Wiederzueinanderfinden abgespaltener Regionen wie Südtirol zur ursprünglichen Kultur und Sprache möglich? Wie gelang es, dass Menschen in benachteiligten Regionen die Möglichkeiten erhielten, ihr Leben so einzurichten, wie sie selbst es wollen?

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Serbische Nationalisten zündeln und drohen mit Krieg. So 'verlieren' sie als Kinder des 19. und 20. Jahrhunderts gerade den Kosovo. Und ahnen nicht, dass zwar nicht ihre Kinder wohl aber ihre Enkel innerhalb der lebendigsten Institution des 21. Jahrhunderts gemeinsam mit Kosovaren globale Probleme angehen werden. Gemeinsam. So wie wir es gerade erleben in der Wirtschaftskrise, in der Erpressung durch Russland hinsichtlich winterlicher Gaslieferungen und der Euro Krise. Europäer werden auch die zukünftigen existenziellen Krisen, von denen es eher zu viele als zu wenige geben wird, miteinander meistern. Oder gar nicht.

Stellen wir uns das mal vor: Wenn es Mitte des 21. Jahrhunderts einen Global-Fussball-Cup geben wird, in der die EU-Mannschaft gerade noch aufs Podest kommt - vielleicht nach Südamerika und Afrika, aber noch vor Asien und den USA, dann haben wir's geschafft. Freude und Feier werden anlassbezogen dem dritten Platz gelten, in ihrer wahren Bedeutung werden sie aber eine Identifizierung mit lebenden Personen und einer kräftigen EU darstellen.

Dann werden bemalte Gesichter, krächzende Vuvuzela-Trompeten und Fahnen in Stadien einen neuen, zukunftsorientierten Sinn aufweisen. Sie werden vielleicht schon für alle Menschen dieser Erde leuchten, tröten und wehen.

Wie steht's mit dir - bist du ein Kind des 21. Jahrhunderts?


Reinhard Neumeier, Juli 2010


*) Brandes D., Sundhaussen H., Troebst S, (Hrsg.), Lexikon der Vertreibungen, Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, 2010, S. 200

 
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