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Mobilität: Männer in und auf Lastkraftwagen Drucken E-Mail
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Kräftig, laut, alles niederwalzend oder auf die Seite räumend. So sind sie -

Männer oder Lastkraftwagen. Frauen hatten die Lasten sanft in der Hand oder auf dem Kopf zu tragen. Gehend natürlich. Männer hingegen ritten die rohen und nur halb gezähmten Pferdekräfte motorisierter Laster. Und man sah es: Lachend, feixend, und im Machtrausch geborgter Kräfte alles andere von der Straße fegend. So wie 2002 das Startfoto dieses Essays eine typische Szene in Myanmar eingefangen hatte.


Bitte nicht mild lächelnd auf ein Dritte-Welt-Land runterblicken - noch in den 1950er und 1960er Jahren sah so auch bei uns die Aufgabenteilung der Geschlechter aus. LKW-Chauffeure blickten als respektierte Männer aus ihren Fahrerkabinen auf das niedrige Volk herunter. Sie waren geachtete Ritter der Landstraße. Wohingegen heute Chauffeure selbstausbeutende Knechte von gnadenlos drückenden Großspeditionen sind.


Auch klar: Hierzulande haben die Frauen kräftig aufgeholt. Sie chauffieren Straßenbahnen oder Busse und steuern wie alle anderen auch ihre Autos im Stadtverkehr mal zurückhaltend, mal aggressiv und nicht selten mit dem Handy in der Hand. Obiges Bild aus der Pagodenstadt Bagan in Burma spiegelt einheimische und kaum noch abgeschlossene Vergangenheit wider. Das berauschende Gefühl, stärker und mächtiger zu sein, das Gefühl, andere in Angst zu versetzen und auf die Seite springen zu lassen oder schlicht und einfach zu ignorieren, dieses Gefühl ist für unreife Menschen unwiderstehlich.

Psychologische Muster dominieren auch unser zivilisiert erscheinendes Verkehrsgeschehen. Der SUV ist auf unseren Straßen allgegenwärtig geworden. Verharmlosen und verschleidernd wir diese fahrende Riesengondel Sport Utility Vehicle (sportliches Nutzfahrzeug) genannt. Das ist eine Kombinationen aus Kleinlaster und voluminöser Kabine einer Gebirgsseilbahn. Eine Modewelle aus den USA, die uns in den letzten Jahren erfasst hatte.


Ein SUV wirden klassischerweise auf einem LKW-Leiterrahmen gebaut. Um ihre Wirkung auf andere zu verstärken, wird vorne ein Kuhfänger montiert. Das sind besonders stabile Eisenrahmen, die am Körper und Kopf von Fußgehern und Radfahrern garantiert maximalen Schaden anrichten. Der innere Aufbau zeigt die typischen LKW-Merkmale: Eine billige und dennoch stabile Konstruktion aus zwei parallelen Stahlträgern, mit dessen Hilfe man Nashörner rammen und aufspießen kann. Im Falle eines Unfalls bieten die Knautschzonen kleiner PKWs vor diesen Rammhörnern keinen Schutz mehr. Alle anderen Verkehrsteilnehmer sehen sich plötzlich einer gepanzerten Zweitonnen-Masse mit großen Rädern gegenüber. Klar, dass man innerlich innerhalb von Sekundenbruchteilen mit Angst- und Fluchtverhalten reagiert. Also genau das, was psychologisch hintergründig beabsichtigt ist.


Ein SUV wird von den Herstellern geländetauglicher Offroader genannt. Werden diese Gefährte mit ihren Allradantrieben wirklich im unwegsamen Gelände gefahren? In der Geröllwüste, im Sumpf oder am Berg? Um wilde Stiere einzufangen? Nein, benutzt werden sie nahezu ausschließlich auf den glatten, gut asphaltierten Straßen unserer Städte. Vom Haus frühmorgens gehts durch den Stau zum Arbeitsplatz und abends zum Haus retour. Oder das 12-jährige Kind wird damit zur Schule gebracht - und ihm gleichzeitig den selbständig machenden Schulweg vorenthalten.


Was für eine Vergeudung von Material, Energie, elterlicher Lebenszeit als Chauffeure und entgangener Entwicklungszeit von Jugendlichen am täglichen Schulweg! Was für ein hohes Risiko für alle anderen Verkehrsteilnehmer! Eben Männlichkeitswahn pur. Die anderen Verkehrsteilnehmen rüsten nun ihrerseits auf. Irgendwann fahren dann alle einen Zwei-Tonnen-Kuheinfang-Kleinlastwagen. Und sie alle handeln sich damit schlechte Fahreigenschaften ein (eine miese Straßenlage, ein Schwanken in Kurven,..), höhere Treibstoff- und Unterhaltskosten. Ganz zu schweigen vom achtfach höheren Risiko, mit dem Gefährt sich zu überschlagen. Verrückt?

Nein, nicht verrückt. Verkehrsmitteln kommt keineswegs nur die Transportaufgabe zu, von A nach B zu gelangen, wie uns Automobilorganisationen einreden. Wir moderne Menschen verwandeln uns bei der Wahl von Verkehrsmitteln oft zu Ochsen. Ochsen, die über ihre Nasenringe von primitiven, aber tief verwurzelten psychologischen Mechanismen herum- und vorgeführt werden.

Reinhard Neumeier, September 2010

 
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