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1900: Lokomotiven dampfen auf vorgegebenen Schienen 2010: Motorisierte Menschen fahren auf Straßen - befreit von Schienen und Vorgaben - und millionenfach tödlich
E-i-n-e Million Tote durch Unfälle und v-i-e-r-z-i-g Millionen Verletzte - im Jahr! Kaum verlassen wir das Haus, befinden wir uns mitten in einem Schlachtfeld, einem Schlachtfeld, das an jedem Tag, in jeder Minute tobt. Die Resultate jeden Tages: Eingedrückte Köpfe, zersplitterte Knochen, Ströme vergossenen Blutes, verkrüppelte Leiber, jahrelang anhaltende Schmerzen, ausgelöschte Familien, zerstörte Lebensschancen.
1.000.000 Tote und 40.000.000 Verletzte, Diesen Tribut leisten wir weltweit. Verantwortlich hierfür ist zu über 90% der Individualverkehr. Also wir Einzelne. Jeder von uns, der sich in hochmotorisierte Kraftkarossen setzt, um nach Belieben überall hin zu kommen, ob zum Zigarettenstand zwei Gassen weiter oder in den Urlaub an der Mittelmeerküste.
Der Umstieg des motorisierten Verkehrs von vorgegebenen Gleisen (Zügen) auf die Fläche (Automobile) hatte einen monströsen Krieg gestartet - überall & direkt vor der eigenen Haustür. Eine Auseinandersetzung, die mehr Opfer als alle gegenwärtigen Kriege, Völkermorde und Terroranschläge zusammengenommen fordert. Der allgegenwärtigen Bedrohung und der Opferzahlen nach leben wir mitten im Dritten Weltkrieg. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen.
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Wie kam es dazu? Wie war die Geschichte dieses Wahnsinns? Wer hat den Startschuss gegeben? Otto, Diesel, Marcus, Daimler, Benz, ... sie erfanden und entwickelten ein selbstfahrendes Gefährt ("Auto-mobil"). In seiner funktionsfähigen Form ist es kaum mehr als 100 Jahre alt. Die individuelle Motorisierung zählt als Massenphänomen in Europa gerade mal 50 Jahre. Man glaubt es kaum, aber das mechanisierte Selbst gibt es hier erst seit zwei (!) Generationen. Kinder, Jugendliche und noch nicht pensionierte Erwachsene kennen nichts anderes. Für sie ist die allmotorisierte Welt immer schon so gewesen.
Autos, wie wir sie besonders in ihrer Übermotorisierung und ihrem luxuriösem Platz- und Straßenraumbedarf kennen, entstanden in den USA. In der Weite des Kontinentes komfortabel und trotzdem billig überall hin zu fahren, gelten als amerikanisches Grundrecht. Ähnlich wie das Waffentragen, um bei Bedarf das Recht selbst in die Hand zu nehmen und andere (natürlich nur die 'Bösen') niederzuballern. Die beiden amerikanischen Kulturen der Auto-Mobilität und der Auto-Exekutivität (= sein eigener Sheriff zu sein) weisen viel Gemeinsames auf: Selbstherrlich andere in deren Bewegungs- und Handlungsfähigkeit zu beeinträchtigen, sie zu bedrohen, physisch oder psychisch zu verletzen oder schlussendlich auf die Seite zu räumen, wenn sie nicht beizeiten Platz machen.
Die Europäer erfuhren die Überlegenheit der Kombination beider neuweltlichen Kulturen auf dem Schlachtfeld: 1917 verfügten die amerikanischen Streitkräfte über die ersten vollmotorisierten Einheiten - sie gaben den Ausschlag für die Niederlage an der deutschen Westfront. Zwanzig Jahre später errang die neu formierte und erheblich motorisierte deutsche Armee ihre Blitzsiege mittels Kraftwagen und Panzer anstatt lebender Pferde als Zugkräfte für Wagen und Artillerie. Und weitere vier Jahre später beschleunigte die Ölknappheit den Niedergang des deutschen Reiches.
Kein Wunder, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die folgenden zwei Generationen dem Mythos von der Omnipotenz eines mechanisierten Selbst anhingen. Führerschein + Auto waren Ausweise, um mit 18 Jahren Mann oder emanzipierte Frau zu sein. Mit 18 durfte man offiziell gefährlich sein - so der gesellschaftliche Konsens. Um nur ein Beispiel dieser Grundeinstellung zu bringen: 2010 wurde in Wien ein Bub am Schulweg beim Überqueren eines lotsengesicherten "Schutzweges" von einem Auto ungebremst überfahren und getötet. Die behördliche Reaktion: Installierung einer Überwachungskamera.
Erkenntnis aus diesem und vielen, vielen ähnlichen Beispielen: Die faktische Möglichkeit, jederzeit im Alltag andere aus dem Weg schaffen zu können, und sei es nur aus Nachlässigkeit, Telefonieren am Steuer oder Medikamentenkonsum ist unserer Gesellschaft heilig.
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Daher ist im Alltag höchste Vorsicht geboten. Jeder muss auf der Hut sein, wenn er das Haus oder die Wohnung verlässt: Wölfe? Löwen? Säbelzahntiger? Nashörner? Lächerlich - wir haben hunderte Millionen überforderter Autofahrer auf den Straßen, die getrunken haben, unter Medikamenteneinfluss stehen, die rauchen oder am Steuer telefonieren, SMS schreiben oder als testosterongepeitschte Jungmänner angeben wollen.
Auch wenn diese zusätzlichen Risikofaktoren nicht gegeben sind (keiner von uns telefoniert am Steuer, nicht?), wenn wir als nüchterne, ruhige und kontrollierte Autofahrer 150 Pferdestärken durch das Gewusel anderer Kutschen mit je 150 Pferdestärken lenken - eines ist sicher: 99 Prozent aller Situationen auf der Straße werden wir angemessen bewältigen. 1 Prozent aber schaffen wir nicht. Genau dieses eine Prozentchen reicht, um mit der Zeit sich und andere um Kopf und Kragen zu bringen. Die Rechnung ist einfach: Einmal alle drei Tage eine gefährliche Situation, der du vierzig oder fünfzig Jahre ausgesetzt bist. Irgendwann kracht es und mit Glück kommst du mit einem einfachen Schleudertrauma samt zweimonatigem Tragen einer Halskrause davon. Mit weniger Glück liest du diese Zeilen nicht mehr.
Warum nehmen wir diesen Dritten Weltkrieg gelassen in Kauf? Was ist es, dass wir uns täglich unkalkulierbarer Gefahr aussetzen? Was für tief sitzende menschliche Bedürfnisse werden befriedigt? Was lässt uns akzeptieren, dass Straßen, Gassen oder Plätze von Stahl-, Kunststoff- und Glasgroßdosen gekapert werden? Von potenziellen Eineinhalb- bis Zweieinhalbtonnengeschossen, die Stahlbomben gleich DEIN Leben und das DEINER Kinder innerhalb von Sekunden auslöschen?
In Kürze finden Sie hier den Versuch einer Antwort.
Reinhard Neumeier, Oktober 2010 |