|
Manchmal an einem Sonntagmorgen im Winter geschieht das Wunder: Es ist leise, einfach nur leise. Und das mitten in der Stadt.
Ein- oder zweimal wird dieses Märchen im Winter wahr. Auf der Straße liegt frisch gefallener Schnee. Die meisten brauchen nicht aufstehen und schlafen daher noch. Die Geräusche einiger Autos schluckt der Schnee. Stille legt sich über alles. Ungewohnt. Seltsam weiß, wohlig und greifbar.
Zeit fließt dahin - als Ganzes und eben nicht zerhackt. Nichts hämmert ins Ohr, nichts drückt auf die Brust. Kein Schall, der den Körper überrascht. Kein bedrängender Lärm, der die inneren Systeme alarmiert. Wie wunderbar Stadt sein kann. Was für erstaunliche Lebensqualität sie bereithält!
Im Laufe des Morgens schwindet der Zauber, Stück für Stück: Mit jedem Brummen eines Motors, mit dem ersten Hupen, mit jedem Rollgeräusch rauer Winterreifen. Kracht der Schneepflug die Straßen entlang, ist das Wintermärchen endgültig vorbei. Vorbei für ein Jahr.
Wie lebenswert eine Stadt sein könnte. Und nicht ist. Was herrschen nur für absurde Verhältnisse? Wieso gelingt es einem untergeordneten Lebensbereich (dem Verkehr) uns alle in Geiselhaft zu nehmen? Wo jeder Transport rein lebensdienliche Aufgaben hat: Güter oder Menschen von A nach B zu bringen, um so unser Leben lebenswerter zu gestalten. Warum leiden wir? Warum fungiert "Verkehrserziehung" als Anleitung zum Überleben gesellschaftlicher Randgruppen? "Randgruppen" wie Kinder, Ältere, Fußgeher und Radfahrer? Die immer in Gefahr sind, unter die Räder zu kommen.
Jeder ahnt oder verdrängt die Tatsache, dass es so nicht weitergehen kann: Benzin und Diesel werden knapp und für den Einzelnen zu teuer. Das sich ändernde Klima wird zu sanfteren und sozialeren Mobilitätsformen zwingen. Dennoch werden immer größere und teurere Kutschen gekauft. Warum? Welcher Virus, welche Krankheit hat uns befallen?
- Der Haupt-'Virus' dürfte eine Folge unseres evolutionär so erfolgreichen aufrechten Ganges sein. Vor allem die Fähigkeit, tagsüber ausdauernd zu gehen und umherzustreifen (siehe ersten Teil dieser Mobilitätsserie). Die gegenwärtige, motorisch aufgerüstete, persönliche Mobilität ist evolutionär gesehen nur das Fortführen der bisherigen Geschichte: Die schweifende, ausdauernd gehende und laufende Menschenart hatte sich als Erfolgsstory erwiesen. Automobile legen auf die bisher erworbenen Fähigkeitein noch eines drauf: Motorisiert und mechanisch unterstützt rasen wir mit der vielfachen Geschwindigkeit eines Läufers. Wohin wir wollen, wann wir wollen und wie schnell wir wollen. Theoretisch.
|
Wie sehr uns die Vergangenheit im Griff hat, veranschaulicht ein kleines Gedankenexperiment:
Angenommen unsere Vorfahren vor Millionen Jahren wären putzige afrikanische Erdmännchen gewesen. Also in Kolonien lebende, Höhlen in den Boden grabende Wesen.
Wir modernen Jetztzeit-Erdmännchen hätten Techniken entwickelt, um die eigene Lebensweise weiter zu verstärken. Vermutlich lebten wir in einer milliardenfach durchlöcherten Erde, in riesigen, länderumfassenden Erd-Emmentalern, in komfortablen Behausungen für Großfamilien samt Klimaanlagen, benützten Aufzügen, bedienten uns aus unterirdischen Pflanzengärten,...
Insgesamt also technisiert eingegraben unter der Erde anstatt technisiert herumbrausend über der Erde wie wir Abkömmlinge der Affen-Menschen-Großfamilie jetzt.
|
- Dieser Virus des vererbten Herumstreifenwollens wurde vielleicht durch eine historische Entwicklung verstärkt: Rund 10.000 Jahre hatte die Mehrheit der Stämme ihre nomadisierende Lebensweise aufgegeben gehabt. Jahrtausende waren unsere Vorfahren Bauern gewesen - und hatten unter der pferde- oder kamelverstärkten Mobilität anderer gelitten. Etwa die mittelalterlichen Europäer unter berittenen Hunnen oder Mongolen. Extrem schnell auf Pferden, einfallend, mordend, plündernd. Wir Nachkommen streifen endlich wieder herum - wie unsere Vorvorfahren in der Altsteinzeit.
- Natürlich spielen andere Faktoren auch eine Rolle. Etwa Gewohnheiten und stumpf Eingelerntes. Viele kennen nur die individual motorisierte Welt und können sich anderes nicht mehr vorstellen. Eingeübte Muster und täglich ausgeführte Lebensstile sind mächtige Fesseln. Um sich daraus zu befreien, benötigt man Selbstdisziplin oder einfühlsame Therapeuten.
- Natürlich drängt der gewöhnliche Virus des Dominierenwollens immer nach vor. Lebewesen wollen andere dirigieren oder wollen (in der abgeschwächten Version) wenigstens beeindrucken: Sich selbst zu erhöhen, um andere niedriger zu machen. Oder um bessere Nahrung, mehr Partner oder fruchtbarere Territorien zu erhalten. Statt massiger Muskeln, riesiger Hörner oder prächtiger Pfauenfedern stellen wir einen blitzenden Sechszylinder-Zweitonnen-Irgendwas vor die Tür oder in die Garage.
Wir kaufen Autos, um bei Kollegen Eindruck zu schinden, um (traditionell) Frauen zu erobern oder konkurrierende Männer im Zaume zu halten. Ironie der Situation: All diese Menschen geben uns dadurch unterschwellig vor, was wir zu kaufen haben. Im Autosalon geben wir zehntausende Euro aus. Aber nicht für uns, sondern für unsere Nachbarn.
Wir motorisierte Sklaven unserer Geschichte, Gewohnheiten und Nachbarn.
Reinhard Neumeier, Oktober 2010
|