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Mobilitätstote: Die verdrängte Million PDF Drucken E-Mail
Dampflokomotive als Symbol überholter individueller Motorisierung


Mehr als eine Million Tote produziert laut Welthandelsorganisation Jahr für Jahr der Straßenverkehr: Im PKW oder LKW bei Unfällen oder als Fußgänger durch Überfahrenwerden. In 20 Jahren soll der Tod durch Unfall mehr als doppelt so fot zuschlagen.

Leben wir in der Illusion, Tod und Leid trifft nur die anderen? Warum sonst nehmen wir Menschen im Verkehr den riesigen Blutzoll auf unseren Straßen einfach hin? Was kennzeichnet unsere Art, dass wir uns das nicht nur passiv gefallen lassen, sondern das aktiv indirekt (durch den ungezügelten Drang, über Riesenkräfte zu kommandieren und überall hinzukommen) anpeilen?


Eine anthropologische Antwort aus der Sicht der Evolution: die gegenwärtige aufgerüstete Mobilität aller ist das konsequentes Fortführen eine laufenden Entwicklung: Unsere Urahnen haben das Wild unter sengender Sonne gejagt, das Wild konnte sich nicht ausruhen, die Hitze nicht abgeben, und irgendwann zu müde, Infarkt, Ahnen mit Speer  durch Laufen und Hetzen das Wild erlegen, jetzt nach einer Periode (gezwungener) Sesshaftigkeit von einigen tausend Jahren sind wir wieder mobil. Hier waren wir Jahrtausende Bauern - und litten an der verstärkten Mobilität anderer, an den berittenen Hunnen oder Mongolen, die Europa und Asien überfallen haben, .. Extrem schnell, auf Pferden, einfallend, mordend plündernd.

Wir hetzen - wie vor hunderttausenden von Jahren - über die Landschaft. Nein, nicht wie früher laufend mit vielleicht 10 km/h, nein, jetzt sind es 120 oder 150. Und das überfordert unsere Sinne und Reaktionsvermögen, das auf wesentlich niedrigere Geschwindigkeiten ausgelegt ist, völlig. Schmunzeln wir nicht, wenn wir Dampflokomotiven in Fahrt sehen - bereits ihre Geschwindigkeit ist zu viel für uns.

Doch wen stört das. Der Rausch, ein stärkeres, nahezu fliegendes Wesen zu sein, macht süchtig. Und erlegen so nebenbei - ganz wie ehedem - andere Lebewesen. Oder Fußgeher oder Radfahrer oder uns selbst. Jetzt nach zwei Generationen motorisierter Hatz werden wir etwas zivilisierter. Der Rausch legt sich langsam. Die archaische Verwurzelung der Geschwindigkeit mit dem Gefühl von Macht und Einfluss über Wege und andere, wird erzieherisch langsam eingedämmt.


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Man denkt: Es muss schon immer so gewesen sein: Das Brummen von Motoren, Fahr- und Bremsgeräusche, Hupen, die Menschen sind auf die Ränder der Straßen zurückgedrängt (und heilfroh, dass sie nicht überfahren werden). Man sucht, ob zwischen geparkten Autos genug Abstand ist, um hindurchzukommen, man hat sich an die schlechte Luft gewöhnt und merkt erst, wenn frühmorgens eine einzelnes Auto vorbeifährt und stinkende Geruchsfahne hinter sich zurücklässt.


Nein, es war nicht immer so. Ich selbst erinnere mich in meiner Kindheit am Land in den 1950-er Jahren noch an Straßen, in denen Karren von Ochsen oder Pferden gezogen wurden, auf denen hie und da schmalbrüstige Traktoren und LKWs fuhren. Personenkraftwagen hingegen waren eine Sensation, die ausführlich bestaunt wurden: Was war das für ein Gestell auf jeder Seite? Ah - Winker, die herausklappten, wenn der Chauffeur abbiegen wollten. Winker, kein Blinker! Ein intergriertes Licht kam erst später hinzu, das Ende dieses Wunderwerkes kam leider früh - irgendwie war es spannend, nett und ein Zeichen von Leben, das aus der verschlossenen Blech- und Glaskiste kam.

Jede Zeit scheint ihre ganz besonderen Gefahren zu haben. Die die Zeitgenossen als gegeben hinnehmen.


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Gerne wird ein anderes Ergebnis des Sich-passiv-herumfahren-Lassens übersehen: faul samma wuan, fedd samma wuan und blaad samma wuan. Jeder zweite Europäer ist zu dick, der Trend ist ungebrochen. Herzinfarkte, Diabetes und sogar Krebs. Ironie der Evolution: wir sind schneller als je zuvor, wurden dadurch aber bewegungsfaul. Wir lassen uns tragen, statt selber zu gehen. So jagen wir nun nicht das Wild, sondern uns selbst in den Herzinfarkt. Was für eine Ironie der Geschichte.

Reinhard Neumeier, Oktober 2010

 
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