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Mobilität: cars drive mankind Drucken E-Mail

 

Syrien: Reparatur in einer Werkstatt

 

die ferse in die flanken erhalten – sofort wende ich mich nach links – das muss der reiter auf mir gewollt haben, denn es passiert eine weile nichts - au! ja, ich steh schon – ein zug an der trense in meinem maul hatte mich den kopf zurückreißen lassen -


Natürlich denkt ein Pferd nicht in solchen Sätzen. Wohl eher in Gefühlsregungen, die durch den gesamten Körper rauschen. Pferde sind empfindsame Säugetiere wie wir, haben aber das Pech, von uns Menschen geritten zu werden. Genauso wie wir Menschen auch oft zu Knechten werden: Nicht durch Geister oder Dämonen, sondern durch unsere eigenen Werkzeuge.

 

The merchant serves the purse,
The eater serves his meat ..

Things are in the saddle,
And ride mankind“*)

Ralph Waldo Emerson

 

Nur kurze Zeit dirigieren wir unsere selbstgeschaffenen Dinge. Langfristig dominieren die Dinge uns. Mit der Zeit passen wir uns den Eigenschaften der Dinge an. Hm, wie kann man sich das vorstellen?

Nehmen wir das Beispiel Auto. Das kennt und nutzt fast jeder. Nur anfangs, beim ursprünglichen Kauf oder der ersten Nutzung des Wagens entscheiden wir relativ frei. Bald jedoch zwingt uns das Gefährt einen veränderten Lebensstil auf. Das Auto führt uns wie einen Ochsen am Nasenring vor. Auch wenn wir es nicht merken. In Ausnahmesituationen wird unsere Anpassung sichtbar. Muss das Auto zwei Tage zur Reparatur in die Werkstatt, so kann Folgendes im Kopf des verhinderten Autofahrers ablaufen:


Wie komme ich in die Arbeit? Wie muss ich gehen und fahren? Mit welchem Bus, welcher Straßenbahn? Wann kommt sie, wie zahle ich, wo steige ich ein, wo ist der Ausgang? Mir fehlt die Musik. Ich fühl mich nackt wie eine Schnecke ohne Haus. Die vielen Menschen rund herum – wie beengend. Die Gerüche, Handygespräche, Taschen im Rücken. Alles ist unangenehm. Mich friert und keine Heizung, die ich andrehen könnte. Tropfen von oben? Regen?? Wo ist mein Schirm? Der liegt wie immer im Kofferraum. Bin nicht mehr gewohnt vorauszudenken. Meine Halbschuhe – ideal fürs Gasgeben und Bremsen - sind feucht geworden.

Ach, es gibt Fahrkartenautomaten? Oh Schreck - wo drücken auf diesem schrecklichen Ungetüm? Und was – Streifenkarte, 48-Stunden-Karte? Bin ich ein Rad? Wie zahl ich ohne Kleingeld? Schulkinder bewegen sich sicher in den Öffis. Ich mach mich zum Narren. Nein, nicht ich bin der Narr. Die Öffis sind's, sie sind mir viel zu doof. Ich hasse Bahn, und Bus. Nie mehr versuche ich, damit zu fahren. Ich schwör's.


Erst das Fehlen gewisser Dinge zeigt unsere Abhängigkeit von ihnen. Erst im Entzug erfahren wir, dass wir anders geworden sind. Hirnforscher sagen uns Ähnliches: Alles, was man tut, hinterlässt Spuren, sowohl im Körper als auch im Gehirn**). Ein bloß selbst-sitzender Mensch verringert die Fähigkeit, selbst-ständig (selbständig) zu bleiben. Er verliert den Kontakt zu seiner Umwelt, wird körperlich träge und - nach Jahrzehnten des Nichtstuns - übergewichtig werden.


Reinhard Neumeier, Dezember 2010

 

*) Zitat aus 'Ode to William H. Channing': Frühe Gedichte des amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson, Mitte des 19. Jahrhunderts

**) Als durchgehendes Motiv beispielsweise in Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, 2009


 
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