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2010: Zuerst tötet sich die Tochter, wenige Monate später beendet der Vater sein Leben. Der Vater - ein Donauschwabe aus dem Banat - war fünf Jahre alt gewesen, als er im Verlaufe einer kurzen Zeit die meisten seiner Familienmitglieder verloren hatte. Eines eisig kalten Wintertages war er zum Waisen geworden:
Die Szene, die sich tief eingegraben hatte: laut weinend und schreiend hatte er schliesslich an jenen Schlitten geklammert, mit dem seine Mutter weggebracht worden war. Ein russischer Soldat hatte mit dem Gewehrkolben auf seine Finger geschlagen und er war in den Schnee gefallen. Seine Welt muss die nächsten Jahre aus hoffnungslos schwarzen Abgründen ohne jede Geborgenheit bestanden haben. Schon als Kind war nun alles verloren!
Ja, er sah seine Mutter vier Jahre später wieder. Ja, beide retteten ihr Leben und konnten/mussten aussiedeln. Ja, er besuchte in Deutschland eine höhere Schule, gründete eine Familie, baute ein Haus, leistete Jahrzehnte sehr viel in einem angesehenen Beruf und erlebte die Geburt von Enkeln. Welch ein Lebenserfolg nach diesem schauerlichen Beginn!
Wenige Jahre war er nun pensioniert gewesen und hätte nach üblichen Maßstäben noch viele gute Lebensjahre vor sich gehabt. Doch mehr als 60 Jahre später holen die Vertreibungserlebnisse die Familie ein. Jene tiefen traumatischen Erlebnisse in der Kindheit schienen vollständig überwunden gewesen zu sein. Sie schienen nur, denn 2010 brachen Fern- und Folgewirkungen der Ereignisse vor 60 Jahren mit existenzieller Wucht wieder hervor.
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Häufig machen sich unzureichend verarbeitete Kindheitserinnerungen - gerade nach (!) einem erfolgreich absolvierten Berufsleben - wieder bemerkbar. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hervorbrechend empfinden nun viele ihr bisheriges Leben als sinnlos und sogar unerträglich. Was schlimm genug ist. Zusaetzlich wird noch übersehen, dass die unzureichende emotionale Verwurzelung im neuen Leben, in der neuen Heimat unbewusst auch an die nächste Generation weitergegeben wird.
Jetzt noch lebende Heimatvertriebene – der Jahrgänge um 1940 - haben als kleine Kinder Schlimmes sehen und erleiden müssen: Tod, Zerstörung, Flucht, Hunger. Und trotzdem meisterten sie später mit Bravour ihr Leben. Allerdings oft aufgebaut auf Verdränung. Gekennzeichnet durch ein Muster des Nichterzählens, des Vergessenwollens oder direkten Verdraengens. Manchmal quälen Albträume des Nachts. Und nicht selten brechen diese traumatischen Kindheitserlebnisse im reifen Alter wieder hervor. In der Folge sind die Ereignisse aus den 1940-Jahren wieder voll im Bewusstsein vorhanden. All die Jahrzehnte des stillen Leidens, der unterdrückten Ängste, der fundamental empfundenen Unsicherheit waren endgültig an die Oberfläche gestiegen. Und nun - alles überschwemmend - fühlbar geworden
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Diese verstörende Begebenheit stammt aus meinem weiteren persönlichen Umkreis. All das muss nicht sein! Nur durch den Irrglauben ("Vergangenes ist vergangen"), entstehen solche Tragödien. Begünstigt durch die falsche Annahme, das bisherige Leben sei doch bestens bewältigt worden, daher bräuchte man sich um die emotionale Verarbeitung der Vergangenheit nicht mehr zu kümmern. Was für ein schwerwiegender Irrtum.
Kaum jemand in der zerstreuten Gemeinde der Heimatvertriebenen denkt an psychologische und therapeutische Hilfe. Dadurch aber könnten die selbstzerstörerischen Muster durchbrochen werden. Durch eine solche Unterstuetzung werden die Erlebnisse in den eigenen Lebenszusammenhang oder in die der Kinder eingeordnet. Diese Ereignisse erhielten so vielleicht (auch) eine positive Wende, zumindest für nachfolgende Generationen. Hört zu, Ihr Jungen des 194x-Jahrganges: Ihr seid aufgerufen, nicht länger zu schweigen oder Schweres nur kurz anzudeuten. Verbessert Eure emotionale Situation - es ist moeglich, es tut Euch, den Kindern und Enkeln gut!
Reinhard Neumeier, März 2011
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