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Zeitzeugen sind auch wir, die Nachkommen derer, die vor Jahrzehnten die bittere, beschwerliche und gefährliche Reise aus ihren Geburtsstädten- und Lebensdörfern hierher nach Österreich antreten mussten. Aus der Bahn geworfen und zurückgelassen von einer Welt, die sich ohne sie weiter gedreht hat in der Spirale der Vergeltung, Verwüstung, Beraubung von Würde, Heimat und Gut. „Was wollt’s ihr Zigeuner da?“, hieß es. - Zurück an den Start! - Noch einmal von vorne anfangen! - Es gibt mehr als das eine Leben. - Die Würfel waren neu gefallen.
Wir kennen dieses fremde, ferne Land seit frühen Kindertagen mehr oder weniger gut aus Erzählungen und Bildern, je nach eigenem Interesse und Mitteilungsbereitschaft unserer Verwandten: sein Name ist „Drhem“.
Uns, die bereits hier geboren sind, bietet sich die Chance, persönliche Gespräche mit ehemaligen Bewohnern dieses Landes zu führen, Fragen zu stellen, Erinnerungen zu wecken, Details zu erfahren, Themen zu vertiefen – und dabei dem besonderen Klang der Sprache von weit her zu lauschen. Sprechen können wir zwar kaum mit diesem Akzent, der die Sprache unserer Mütter und Väter mit einer hierzulande unbekannten Melodie unterlegt, aber passiv beherrschen wir ihren Dialekt wohl und können so manche Ausdrücke, die unser Umfeld vor Rätsel stellen, verstehen – sind sie doch immer schon Bestandteile des familieninternen Sprachgebrauchs gewesen.

Ob wir wollen oder nicht, ob es uns bewusst ist oder nicht, wir stellen eine Gemeinschaft dar: die der Kinder von Vertriebenen. Und somit sind wir Zeugen einer geschichtlichen Epoche, die in der zeitgeistigen öffentlichen Meinung und Historiographie gerne nur gestreift und beflissen dem Aufrechnungs-Diktat von Schuld und Sühne unterworfen wird. Durch dieses Privileg des unmittelbaren Kontaktes und der Kommunikation mit Vertriebenen und Heimat-Verlorenen werden wir selbst zu Zeitzeugen der Geschichte, verpflichtet zur Wahrung, Weitergabe und verantwortungsvollem Umgang mit dem uns anvertrauten Wissensgut.
Dabei ist es von nachrangiger Bedeutung, von welchen Fleckchen der Erde damals die Spuren der Kinder, die unsere Eltern geworden sind, verschwunden sind– es war sicher jeweils das schönste, das am meisten vertraute, das selbstverständlichste der Welt. Heute verbindet diese Menschen, wo immer sie auch in der Welt verstreut leben, ein gemeinsames Schicksal, oft wortlose Verständigung, unausgesprochene Gefühle, die sich im Verhalten, im Reagieren, im Umgang miteinander widerspiegeln.
Es liegt an uns, den Nachgeborenen, den Brückenschlag zwischen den Generationen zu vollziehen: von den Menschen jener Generation, welche die zutiefst erschütternde, paralysierende Erfahrung von Vertreibung, Hunger, Not und Angst machen musste, über uns, ihren Kindern, die wieder in einer heilen Welt leben dürfen, die jedoch die Traumatisierung und das Entwurzeltsein ihrer Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten zum Teil auch mit verinnerlicht haben, weiter zu unseren Kindern und Enkelkindern, für die naturgemäß der zeitliche und emotionale Abstand zu den Einzelschicksalen ihrer Vorfahren immer größer werden wird.
Sowohl ihr sachlicher wie auch ihr ideeller Zugang zu den Geschehnissen um die Vertreibung aus den ursprünglichen Lebensräumen, aus welcher immerhin ihre Existenz und ihr nunmehriger Aufenthalt in diesem Land resultiert, wird ein anderer sein als jener der ersten beiden Vertriebenengenerationen. Niemand kann ihn vorhersagen, zu viele gesellschaftspolitische Faktoren spielen dabei eine Rolle. Aber wir können heute die Voraussetzungen dafür schaffen, dass unsere Nachkommen in dem Bewusstsein heranwachsen, dass Krieg Unrecht ist, dass Völkermord Unrecht ist, dass Vertreibung Unrecht ist und die Verletzung der Menschenrechte.
Juni 2011

Susanne Paulus, geb. Geringer, geb. 11. August 1960, verheiratet, 3 Kinder (7, 14, 16 Jahre alt); Studium der Theaterwissenschaften, Germanistik, Völkerkunde; Vertriebenenhintergrund: Eltern Donauschwaben: Mutter aus Betschkerek/Zrenjanin, Vater aus Weißkirchen
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