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Unbewusstes, Pubertät, Nierenzellen, Blutplättchen, Träume, Sehnsüchte, Großmutterwerden – was haben sie gemeinsam?
Sie sind Bausteine, Funktionen oder Lebensphasen eines Supersuperwesens. Mehrfach aufeinandergetürmte Miniwesen, dessen Ahnen selbständig gelebt hatten. Bis vor etwa zwei Milliarden Jahren bewegten sich simple Urbakterien in den Meeren dieses Planeten. Die winzigen ersten Wesen hatten es geschafft, unabhängig zu werden. Sie erzeugten eine kleine Welt ihrer selbst. Eine halbe Ewigkeit waren nur sie die Bewohner der Erde. Plötzlich gab es neue Lebewesen. Die Neuen entwickelten sich nicht langsam durch Veränderung und Auslese, sondern blitzschnell durch Vereinigung. Vielleicht infolge misslungener Fressversuche verschmolzen unabhängige Bakterien miteinander, lernten miteinander zu leben, integrierten sich über unendliche Zeiträume und bildeten schließlich ein Superwesen. Eigentlich so etwas wie ein Patchworktasche, eine zusammenstellung von Flicken unterschiedlicher Größe, Formen und Farben. Durch das Zusammennähen jedoch wird es zu einer neuen Gestalt, erhält eine neue Funktion und wird etwas anderes.
Aus der Sicht von Bakterien waren diese Superwesen, diese Patchworktaschen riesige Monster - wie siamesische Fünflinge. Und natürlich eine ordentlich potenzielle Beute. Aus der Sicht von Biologen waren es Zellen mit Zellkern. Eine historisch entstandene Bezeichnung, die aus unserer menschlichen Sicht in eine falsche Richtung deutet. Der Begriff Zelle - und ihr innerer Aufbau gemäß der Biologie-Lehrbücher - suggeriert einen ersten, elementaren Baustein. Von wegen: Dieser Baustein ist ein höchst komplexes Ding! Und der soll plötzlich vom Himmel gefallen sein?
Mein Versuch vor vielen Jahren, Leben besser zu verstehen, war genau an diesem Punkt gescheitert. Möglicherweise ist es vielen anderen ähnlich ergangen. Häuser werden schließlich aus Ziegelsteinen erbaut, warum wir Menschen nicht auch? Dann folgt sofort die nächste verführerische Frage: Wer hat das aus leblosen Ziegeln erbaut? Alles eine große Sackgasse. Die Forschungen der letzten drei Jahrzehnte haben mehr ans Licht gebracht: Ein eng verwobenes kooperatives Geschehen, das über viele hunderte Millionen Jahre abgelaufen war, hatte einen neuen Lebenstyp entstehen lassen!
Im Laufe weiterer hunderten Millionen Jahren erzeugten einige dieser Superwesen Kopien ihrer selbst und bildeten Kolonien. diese Kolonien von Zellen stimmte viele Aktivitäten intern so ab, dass aus diesen Kolonien neue Einheiten entstanden. Später bildeten sich in diesen Kolonien, diese neuen Einheiten, Spezialzellen. Die meisten Zellen (zur Erinnerung: Zellen sind bereits zusammengewachsene Einzellebewesen) spezialisierten sich auf Aufgaben wie Haltgeben, Verdauen oder Fortbewegen der gesamten Kolonie. Verschiedenes Gewebe und unterschiedliche Organe entstanden. Dieses Geschehen brachte in der Folge ein Supersuperwesen hervor, eine Überdrüber-Patchworktasche. Fazit: Ein zweites Mal hatte soziales Geschehen zu einer neuen Lebensform geführt. Pflanzen und Tiere (einschließlich uns Menschen) stellen nur unterschiedliche Formen dieser Supersuperwesen, dieser Überdrüber-Patchworktaschen dar.
Für alle gilt: Je mehr Zellen es enthält und je spezialisierter die Zellen sind, umso wichtiger werden der Informationsfluss, die Zusammenarbeit und die gegenseitige Beeinflussung. Alle hängen auf Gedeih und Verderb voneinander ab.
Wir Menschen sind ein Ameisenvolk, eine Art fühlender, denkender und lachender Ameisenhügel. Durch die abgestimmte und rückgekoppelte Zusammenarbeit von Billionen Superwesen (in Form von Nervenzellen etwa) wird der mobile Riesenhügel am Leben erhalten. Er 'sieht' und 'fühlt' was, 'bewegt' sich durch die Landschaft, 'isst', 'scheidet aus', 'kämpft' und 'vermehrt sich'.
Durch harmonisiertes Zusammenspiel entstehen auf höheren (projizierten und konstruierten) mentalen Ebenen 'Empfindungen' und 'Bewusstsein'. Der sich bewegende Riesenhügel aber, diese Überdrüber-Patchworktasche meint, er hätte dieses mentale Geschehen hervorgebracht. Was stimmt und nicht stimmt. Der sich selbst gewisse Ameisenhügel weiß nichts von der ununterbrochenen Zuarbeit seiner aberwitzig vielen Einzelzellen. Das ist nur hinderlich im Überlebenskampf.
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Förderlich dagegen war die Erfindung einer weiteren Illusion - die der Einheit. Das Gefühl, selbst zu sein und ein Ich zu haben, waren ursprünglich bloße Hilfsmittel im Überlebensprozess. Durch diese virtuell erzeugten, geistigen Werkzeuge vermochte der Riesenhügel besser zu leben und zu überleben. Ein Ameisenhügel, der jedes seiner Billionen von Zellen um die werte Meinung gefragt hätte, wäre von anderen, einfacher gestrickten Lebewesen blitzschnell verspeist worden. Resultat: Vergemeinschaftung schafft (aus unserer menschlichen, Von-oben-herab-Sicht) ein extrem kompliziertes und gleichzeitig brilliantes, nämlich 'einheitlich sich fühlendes' Wesen.
Ist hier ein Ende? Nein, wir leben inmitten einer dritten großen Welle der Vergemeinschaftung. Menschen sind sehr aufeinander bezogene Supersuperwesen. Im Guten wie im Schlechten. Die Glücksforschung zeigt beispielsweise: je mehr soziale Beziehungen ein Mensch hat, umso zufriedener ist er und umso älter wird er. Wir lieben, helfen, stören, bisweilen hassen einander. Aber immer brauchen wir einander!
Reinhard Neumeier, März 2009
Zum zweiten Teil der Serie
Bildkomposition von Werner W., einem Leser dieser Website. Er begegnete dem beschriebenen Phänomen am Ostersonntag 2009 in den steirischen Bergen. Danke für die Zusendung! |