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Wien lässt grüßen - Freud wirkt noch immer: Der therapeutische Ort, der Platz der Beratung ist nach wie vor ein Kind der Ordination Professor Freuds.
Bloß kommen nun Klienten statt Patienten in die Ordination, äh Praxis. Bloß tragen die Therapeuten und Berater schwarze (zumindest dunkle und unauffällige) Zivilkleidung anstatt des weißen Mantels. Die Krawatte - lange Zeit der Standardausweis eines disziplinierten und angepassten Mannes der abendländischen Zivilisation - wird selten getragen.
Die Praxis als ein wohnlicher Platz, die Praxis als geschlossener und damit geschützter Raum für heikle Gespräche aller Art - ist eindeutig etwas Unverzichtbares! Der Klient soll sich aufgehoben und sicher fühlen, um ungestört Zugang zu seinen Erinnerungen, Gefühle und Verstrickungen zu erhalten.
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Und doch fehlt etwas Fundamentales: Die Lebenswelt des Klienten. Hierin bewegt sich der Klient, hierin lebt er oder die Kinder - hier liebt, ärgert und freut er sich, hier wird gearbeitet, geweint und gelacht. Hier gestaltet der Klient sein Leben - und nicht in der Praxis des Therapeuten. Was der Klient (durchaus aufrichtig gemeint) dem Gesprächstherapeuten erzählen mag, ist eine Sache. Was der Klient in der konkreten Umwelt macht, kann eine ganz andere sein.
Ihr Coaches, Berater und Therapeuten - geht auch raus ins Leben der Klienten, macht Hausbesuche, seht euch mit offenen Augen um, erspürt und erfühlt diese Welt! Nun erst habt ihr einen deutlich neutraleren Eindruck als durch die Erzählungen des Klienten. Diese Erkenntnisse sind wichtig für die Beratungsverläufe und Therapien. Im Falle von Familientherapien sogar ein weitgehendes Muss.
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Noch etwas sehr Wertvolles geschieht, wenn die Experten ihre Expertenburgen verlassen: Sie verlassen die Ordination eines 'mentalen Zahnarztes'. Also jenen, von jung an gefürchteten Platz der Anspannung und des Schmerzes. Der Experte verlässt gleichzeitig damit den sicheren Platz des Alphatieres. Statt dessen wird aus ihm in der Umgebung des Klienten (wo dieser das Alpha- oder Omegatier ist) für kurze Zeit ein gleichberechtigter Lebensfreund. Ein kurzes Mitsurfen im Leben des Klienten - was für eine gute Gelegenheit, all die positiven und negativen Einflüsse auf den Klienten und seine Reaktionen darauf hautnah kennen zu lernen.
Liebe Berater und Therapeuten: Verlasst Eure Praxen und Ordis! Springt kopfüber ins vielleicht schäumende Wasser, worin der Klient lebt und überleben muss. Schwimmt gelegentlich mit!
Reinhard Neumeier, Mai 2010

Bagan in Burma. Das Licht der eben untergegangenen Sonne färbt für einige Augenblicke den aufgewirbelten Staub und einen Ochs blau. Im Hintergrund: Das Portal eines sakralen Tempels. |