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Kapitalismus essen Seele auf Drucken E-Mail


Sie lachen zurück: zehn Wochen alte Säuglinge. Mit zehn Monaten reagieren sie auf andere Babies. Dreijährige streiten, schlagen, weinen und stampfen mit den Füßen – kooperieren aber schon im Kindergarten. Ich, du, er und sie: wir lernten in der Kindheit, fair zueinander zu sein. Wir waren es zwar nicht immer, aber oft. An ungerechte Ohrfeigen durch Eltern oder Lehrer erinnern wir uns noch im hohen Alter. Sie taten besonders weh. Angeleitet durch geduldige Kleinarbeit seitens Mutter oder Vater, Großeltern, Geschwister, Onkel, Tante, Lehrer, Freunde, Nachbarn lernten wir, dass es sich auszahlt, füreinander da zu sein. Wir spürten das warme Gefühl im Bauch, wenn wir anderen geholfen hatten.


Seit der Geburt ist nun ein Vierteljahrhundert verstrichen – zum Teil angefüllt mit Empfindungen, wie schön es ist, andere Menschen um sich zu haben. Wie schön es sein kann, akzeptiert und geschätzt zu werden. 20 oder 25 Jahre sind vergangen und nun startet ein neues Mitglied unserer Art in das Erwerbsleben – ausgebildet, voll Elan und Hoffnung: ein Mensch mit Gemeinschaftsgefühl.


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Und heuert in einem Großunternehmen, einem Multi, einem Global Player an. Und erfährt, wie man aus Geld mehr Geld schöpft. Pure Zauberei. Und lernt, Profit zu machen - nein, viel Profit, richtig viel Profit. Auf Kosten seiner Kollegen und Mitmenschen, auf Kosten von hunderten Millionen kleiner Ackerbauern, auf Kosten von Umwelt und Natur, auf Kosten unwissender Konsumenten, auf Kosten vertrauensseliger Sparer, auf Kosten von neunundneunzig Prozent der Menschen, zugunsten des einen reichen Prozentes. Auf dass sie noch reicher werden. Auf dass sie wie Dagobert Duck zu tauchen vermögen in den Dukaten ihrer Geldspeicher.


Gegen ihre bisherige Erziehung lernen jetzt die jungen Leute, ihre Ellbogen anderen in die Rippen zu knallen. Um mit der Zeit abgebrüht und zynisch zu werden. Um giftiges Spielzeug in China produzieren zu lassen und Giftmüll an afrikanischen Küsten zu versenken. Um nicht selten richtig verschlagen und bösartig zu werden. Mündliche Zusagen und Handschlagsqualität - vergiss es! Denn es zählt nur der abgelieferte Gewinn – wie der zustande gekommen war, ist egal. Geld hat kein Mascherl. Geld stinkt nicht. Die ehemals sensiblen und engagierten junge Leute brauchen so ihr moralisches Kapital auf. Sie tauschen Sinn und Freude am sozialen Leben ein gegen Prämie und Bonus. Und verraten ihr Selbst. Und verarmen.

 

Natur im Gegenlicht

 

Der Raubtierkapitalismus lebt von dem Vorrat an Gefühlen, der in Kindheit und Jugend in anderen Lebensbereichen erworben wurde. Das monetäre Raubtier lebt von den Erfahrungen, die im echten Leben - außerhalb der Büros, Lager und Supermärkte - gemacht wurden. Das Ungeheuer lebt von den jungfräulichen Seelen, die ihm täglich, stündlich und minütlich gebracht werden. Heuschrecken gleich fressen die weltweiten 'Player' – die Menschenplayer - das mitgebrachte Humankapital der Jungen. Bis nichts mehr übrig bleibt. Zügellose Manager garantieren am ungezügelten Markt, dass alles und jeder gnadenlos ausgenutzt wird. Gierige Eigentümer betrügen durch ihre Mittelsmänner am anonymen Markt nicht nur Milliarden anderer Menschen, sie fressen auch die Seelen ihrer 'Mitarbeiter', ihrer Leute. Ihrer? Ha!


Der Mitarbeiter ist längst zur Sache geworden. Man kauft ihn am Markt wie Vieh – stückweise und tonnenweise. Nach Belieben für einen Tag oder ein Jahr. Der Mitarbeiter hat als Sklave bis zur Erschöpfung zu arbeiten. Grausam gepeitscht nicht nur durch Chefs, sondern teuflischerweise auch angetrieben durch selbst angenommene Ziele. Erschöpft, verbraucht und sinnentleert fallen viele am Ende des endlosen Turbofließbandes runter in die Arbeitslosigkeit, Depression, Leere und Verzweiflung.


Das läuft momentan ab am schrankenlos gewordenen Markt: Organisationen gebrauchen und verbrauchen die Werte motivierter Menschen. Nicht alle Unternehmen, aber viele - und vor allem die Großen und Mächtigen unter ihnen – sie wandeln wertvolle Tugenden Minute für Minute, Tag für Tag, Jahr für Jahr um in schnöde Bilanzzahlen, in schnödes Geld. Keines dieser Unternehmen stellt diese kostbaren Güter eines sinnvollen Lebens wieder her. Menschliche Wärme braucht es dazu. Ein Kümmern um sich und um andere, ein Sorgen um die Natur, ein Denken und Sinnen an Bach, Wald, Himmel, Wolken, ein Trachten nach Liebe, Zufriedenheit und Freude.


Busy, busy, busy verbraucht das wahnwitzig gewordene Business  Balance und Gefühl, Lebenserfahrung, Maßhaltenkönnen, Rationalität und Werte wie Güte, Barmherzigkeit oder Freundlichkeit. Vampirgleich saugt der neoliberale Kapitalismus in Form der Arbeit alle übrigen Lebensbereiche aus und lässt viele grau, krank und leer zurück. Finanzkrise? Schuldenkrise? Ach was, die wirklich böse Geschichte läuft derzeit anders!


Reinhard Neumeier, November 2011

 
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