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Vergessen wir kurz die wörtliche Übersetzung von Bio-logie mit der Lehre vom Leben.
Das Wort Lehre verbinden wir üblicherweise mit statischem Kathederwissen: Vom erhöhten Pult des Lehrers wird fertiges Wissen in die Köpfe der Schüler geflößt. Nein – mit Vorstellungen des Schulbetriebes aus den 1950er Jahren verstehen wir von Biologie, der Lebenswissenschaft gar nichts. Mit Bio, mit dem Hauptwort „Leben“ stolpern wir Deutschsprechende, die wir die Hauptwörter so bevorzugen, in die erste Wortfalle.
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Denn Leben wird vor allem durch Zeitwörter (Tun-Wörter wie es in der Volksschule auf den Punkt gebracht heißt) beschrieben: bewegen, erhalten, agieren, reagieren, reparieren, erholen und ruhen, komplizierter oder einfacher werden, mal aufbauen, mal abbauen, kämpfen und kooperieren, aufnehmen und ausscheiden, fortpflanzen, sterben. Also sollte es nicht Leben heißen sondern leben.
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leben wühlt sich durch die Erde, kriecht auf der Oberflächen, schlängelt, hoppelt und läuft, fliegt in der Luft, schwimmt im saukalten und im kochenden Wasser, ernährt sich von Sauerstoff oder Schwefel. Und das alles selten allein. Auch auf unteren biologischen Stufen überwiegt überraschenderweise das Geselligsein: Ob Bakterien, Einfach- oder Vielfachzeller, zu leben heißt weniger ein in sich geschlossenes selbständiges Einzelwesen zu sein - zu atmen, zu trinken oder solo zu essen, sondern in Gemeinschaft mit anderen Organismen Erbinformation, Materie und Energie zu tauschen.
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Darum ist es sowohl seltsam als auch verständlich, dass Biologie als DIE Leitwissenschaft der letzten Jahrzehnte keine einheitliche Theorie entwickelt hat. Das konnte sie einfach nicht, das geht nicht. Leben ist leben und damit viel zu schlau, zu clever, zu rasch, zu langsam, zu kompliziert, zu einfach, zu umfassend und zu detailliert, um es in ein Schema pressen zu können. Theorie versagt. Die üblichen Werkzeuge der Wissenschaften greifen ins Leere.
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Wir nähern uns dem so aktiven Leben besser, wenn wir es klein und vielleicht etwas unruhig schreiben: eben l e b e n. Dieses herumhurteln und natürlich oft auch das Gegenteil, das ruhigsein zeigt sich als ein spannendes Geheimnis. Je mehr Unerwartetes das leben enthüllt, umso mehr staunen wir und entdecken neue Geheimnisse. Wir finden im leben, was in unbelebten Systemen nicht zu vorhanden ist: Lebens-Zyklen, innerer Stoffwechsel, agierend und reagierend auf Umwelteinflüsse, regulierend und sich selbst replizierend = fortpflanzend. Es evolviert, es verändert die eigene Form und inneren Abläufe im Laufe der Zeit.
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Biologisches Gleichgewicht ist fast nie durch Homöostase (im Sinne eines andauernden stabilen Gleichstandes) gekennzeichnet, sondern durch Homöodynamik. Stabilität ergibt sich in lebenden Systemen erst aus der Dynamik von Änderungen in der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt.
Ein Biologe muss daher ein naturwissenschaftlicher Zehnkämpfer sein, ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen: Er benötigt nicht nur Erkenntnisse seines Faches, sondern auch Wissen über Physik, Chemie, Mathematik und Statistik. Medizin und Geographie greifen auf biologische Ergebnisse oder befruchten selbst die Biologie. Wer meint, Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften habe nicht mit Biologie zu tun, steht mit beiden Füßen tief in der Vergangenheit.
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Biologie ist eine disziplinenüberschreitende Lebenswissenschaft. Aus diesen Fäden, welche in alle Richtungen weisen, entstehen Wissenschaftsfächer wie Biochemie, Biogeographie, Bioklimatologie, Zellbiologie, Molekularbiologie, Biomechanik oder Biophysik. Oder Astrobiologie – die Wissenschaft von den Bedingungen, Grenzen und möglichen Inhalten vom l e b e n außerhalb der Erde.
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Kein Wunder, dass sich leben nicht an menschliche Begriffe und Einteilungen hält, ja einfach nicht halten kann. Dazu ist leben zu lebendig und 'überall drin und dran'. Wir Menschen eilen dem leben hechelnd hinterher. Fächer gelten dem leben nichts. Eh klar – leben kriegt weder vom Wissenschaftsministerium ein monatliches Professorengehalt noch Drittmittel von der Industrie. leben lebt:
bewegen, erhalten, agieren, reagieren, reparieren, erholen und ruhen, zurückziehen, komplizierter oder einfacher werden, mal aufbauen, mal abbauen, kämpfen und kooperieren, aufnehmen und ausscheiden, fortpflanzen, sterben, bewegen, erhalten, agieren, reagieren, reparieren, erholen und ruhen, komplizierter oder einfacher werden, mal aufbauen, mal abbauen, kämpfen und kooperieren, aufnehmen und ausscheiden, fortpflanzen, sterben,
.. und das alles gegeneinander und miteinander und ineinander und übereinander
Reinhard Neumeier, Mai 2010

Sri Lanka / 2001: Ein großer Fischschwarm war in der Näher der Küste entdeckt worden. Fischer bringen nurn rasch ihr Gemeinschaftsboot mit Ausleger zu Wasser. Nachsatz: Das Fischen war erfolgreich gewesen! |