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"Dieses Fach hat die philosophische, soziologische und historische Komponente fast ausradiert."*)
Eigentlich hatte ich in dieser Serie über Wissenschaft nicht daran gedacht, Betriebswirtschaftslehre (= BWL oder Business im denglischen Newspeak) aufzunehmen. Doch warum nicht? Warum ordne ich - vielleicht unbewusst - BWL nicht mehr in die Kategorie Wissenschaft? Mein erstes Studium vor 40 Jahren war doch BWL gewesen. Gerade in jener Zeit, als aus der Hochschule für Welthandel Wien die Wiener Wirtschaftsuniversität geworden ist. Und - wie die Namensänderung aussagen will - aus einer praxisbasierenden Methodensammlung des Kaufmännischen eine Wissenschaft geworden ist. Was für schöne Zeiten mit hehren Idealen.
Auch wenn ich jetzt etwas idealisieren dürfte - meine Erinnerungen berichten von Folgendem: Professoren, Dozenten, Assistenten und fortgeschrittene Studenten (als die Gesamtheit der Wissensinteressierten = Universitas) trachteten danach, BWL als Wissenschaft zu fassen. Das heißt, vor Aussagenm, Regeln und Prinzipien vor dem Hintergrund jeweiliger theoretischer Modelle zu diskutieren. Sodass Entscheidungen und Geschehnisse in viele mögliche Richtungen (je nach Annahmen und verwendeten Methoden) ausgeleuchtet werden. Bei Aussagen über Effektivität und Effizienz bestimmter wirtschaftlicher Maßnahmen wurde auch auf die Bedingungen und den Geltungsbereich des gewählten theoretischen Modells geachtet. Vor- und Nachteile eines konkreten Konzeptes wurden in bestimmten Situation diskutiert. So war aus der Hochschule für Welthandel eine Universität geworden. Und das zu Recht.
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Warum hatte ich BWL als Studium gewählt? Um offen zu sprechen: weil ich nach der Matura zu viele Interessen hatte und mich nicht auf ein Spezialfach festlegen konnte. Wirtschaft schien mir ein Bereich zu sein, der in viele andere hineinreicht - und von diesen befruchtet wird. Meine Studienfächer umfassten damals auf der sogenannten 'Hochschule für Welthandel' (scheinbar dadurch semantisch als niveaumäßig unterhalb einer Universität klassifiziert) Soziologie, bürgerliches und Verfassungsrecht, Mathematik, Statistik, Sprachen, Informatik, Technologie, Volkswirtschaftslehre und natürlich die Betriebswirtschaftslehre-Kernfächer samt den gefürchteten Buchhaltungs- und Kostenrechnungsklausuren.
Die Studienzeit war auch deshalb für mich eine glückliche Zeit gewesen: Hier gab es viel über die Breite menschlicher Aktivitäten zu erfahren als auch war es möglich - bei Bedarf - in die Tiefe zu bohren. Man konnte in einem wahren Lustgarten an zusammenhängenden wissenschaftlichen Disziplinen wandeln: universitas at its best.
Aus und vorbei! Im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte hatte sich vieles geändert. Das BWL-Studium ist nun deutlich vermehrt auf die Belange der Wirtschaft ausgerichtet. Nein, nicht Wirtschaft im gesellschaftsorientierten und Leistungen für die Menschen erbringenden Sinn, sondern egomanisches Business im Sinn eines 'Geld-Rausholen-für-mich-was-nur-geht'. Hatte BWL in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endlich den verdienten Rang einer Wissenschaft erreicht, rückte in den letzten zwei Jahrzehnten wieder das Methoden- und Rezeptevermitteln in den Vordergrund. Kurz: Money statt Science.
In den 1970-er und 1980-er Jahren erlebte ich die europäischen Bewunderung des reinen Studiums an Hand von konkreten Fallstudien: der Master of Businessadministration (MBA) etwa in Harvard ließ einen Mag.rer.soc.oec von der Welthandel als mickrig erscheinen. Die soziale /gesellschaftliche Komponente eines integrierten Wirtschaftens war hier im akademischen Grad als "soc." festgehalten, gleichberechtigt mit dem "oec." für Ökonomie. Wie rückständig, wie doof, wie hinterwälderisch das doch alles klang. Was wir alle damals hierbei übersehen hatten: Dieser Harvard Fallstudien Stil, dieser MBA kaum (und kommt) absolut theorielos daher. Theorielos bedeutet ein Nichtwissen um die Hintergründe, um die Vorannahmen, um vielleicht schon getroffene Entscheidungen. Theorielos bedeutet ein Gefangensein in nicht bemerkter oder verdrängter Ideologie, ein Gefangensein im Grunde in nichtreflektierten Glaubensüberzeugungen, ein Gefangensein letztendlich in purer Religion. Eigentlich sollte es niemanden wundern - diese Business-"Studium" kam aus Nordamerika, dem Kontinent der von in Europa verfolgten Glaubensgemeinschaften. Und die rächen sich jetzt an den Europäern.
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Die Managementzeitschriften, die - nachdem sie der Chef überflogen hatte - in den letzten 20 Jahren durch die Büros wanderten, bestanden und bestehen aus simplen Anleitungen ohne jedes Für und Wider. Das Einfache und Simple an diesen Konzepte wird durch modische angelsächsische Wörter überspielt: Benchmarking, Balanced Scorecard, Chance Management, Branding, Downsizing, Empowerment, Kernkompetenz, SWOT-Analyse, Sieben-S-Modell (als verdaulicheres Ein-S-Modell für die Bosse zusammengefasst), Lean Production, Total-Quality-Management, Unique-Selling-Proposition, Just-in-Time, Zero-Base-Budgeting,..
Diskussionen erübrigten sich - die Begriffe enthalten bereits den unbedingten Befehl 'Etwas-so-machen-zu-Müssen'. Nachteile des jeweiligen Konzeptes? N-a-c-h-t-e-i-l-e ? Wer wagt zu zweifeln? Nur wenige sind so verrückt und wagen, sich gegen die herrschende Meinung, gegen die jeweilige Managementmode zu stellen. Eben wir sind wieder zu Adepten, zu Nachahmern und Nachbeter geworden: Glaubensbrüder und Glaubensschwester vor dem Methoden-Herrn.
Dieser amerikanische Stil des Vereinfachens fand als 'Auf-den-Punkt-Bringen' allgemeine Bewunderung. Und im Halbjahresrhythmus wird laut schreiend eine quietschende Sau nach der anderen, eine unausgegorene Idee nach der anderen durch das Medien- und Management-Dorf gejagt. Man lässt den Konzepten nicht einmal Zeit, umgesetzt zu werden.
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Fazit: Innerhalb einer Generation ist aus einer Wissenschaft wieder eine reine Rezeptesammlung geworden. Das Rad der Zeit wurde zurückgedreht. Wir haben nicht Betriebswirtschafts-Lehre als Wissenschaft, sondern Business als amerikanische Rezeptur des Glaubens:
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"Der extreme Ausdruck dieser uniformen Ideologie ist der angelsächsische MBA (Master of Business Administration).
Der ist geistig so arm, so einseitig." **)
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Reinhard Neumeier, Juni 2010
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*) **) Vorstand der Deutschen Telekom Thomas Sattelberger in der FAZ vom 23. Mai 2010, S. 46
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