Also lautet ein Beschluss:
Dass der Mensch was lernen muss.
Nicht allein das Abc
Bringt den Menschen in die Höh
nicht allein im Schreiben, Lesen,
übt sich ein vernünftig Wesen,
(..)
Dass dies mit Verstand geschah,
war Herr Lehrer Lämpel da.
Dieser Beitrag handelt von Pädagogik. Oh Entschuldigung: Erziehungswissenschaften. So heißt es gehoben und akademisch anspruchsvoll. Ob allerdings ein vuhrnehmes Wort widersprüchliche Inhalte und verworrene Gegebenheiten in diesem Fach günstiger erscheinen lässt? Ob semantisches Schönmalen Sinn macht in einem Gebiet, dessen gesellschaftliche Bedeutung breit ist und dessen Wirkung über Generationen anhält? Wörtlich bedeutet(e) Pädagogik eine Technik, Kinder in eine Richtung zu führen und lenken.
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Wen ziehen wir? Wie ziehen wir? Wohin lenken wir? Aufgrund welcher Ideen lenken wir?
Das sind die Grundfragen einer, im Idealfall reflexiven Lebenswissenschaft, die strukturell die Zukunft von Kindern und Erwachsenen beeinflusst. Zieht der strenge Lehrer das Kind an den Ohren zur Tafel? In die Kirche? An den Familientisch? An den Arbeitsplatz? → Was steht an der Tafel? Was für Gebote hören die Zu-Ziehenden in der Kirche? Was müssen sie am Arbeitsplatz tun? Und wie setzen sie das Er-zogene um?
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Diese Fragen sind nur vor einem umfassenden existenziellen Hintergrund zu beantworten. Der weitestmögliche Hintergrund ist Weltanschauung. Es ist die individuelle oder gesellschaftlich geteilte Welt- und Lebensanschauung ("view of life", "worldview"). Diese Lebensanschauung begrenzt bereits den Inhalt möglichen Antworten auf Grundfragen des Lebens. Zum Beispiel: Wie stellt sich ein Sinn des menschlichen Daseins dar? Gehören andere Lebewesen einbezogen? Was ist die mögliche Bedeutung unseres Daseins? Gibt es vielleicht gar keine universelle Deutung unseres Hierseins?
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Wir alle leben aufgrund von Antworten zu diesen Fragen der existenziellen Lebensorientierung. Entweder nach längerer Reflexion direkt ausgesprochen oder implizit / indirekt in den jeweiligen Lebenssituationen angewendet. Diese Antworten fallen weltweit unterschiedlich aus. Je nachdem, ob wir uns in einer amerikanischen, japanischen, deutschen, französischen oder afrikanischen Kultur befinden.
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Um einige Beispiele genauer zu skizzieren:
* Nachdem sich 30 Millionen Japaner über mehrere Generationen den Platz auf einer kleinen Insel in strenger Isolation teilen mussten, hatte sich hier eine zutiefst gemeinschaftlicheren Ansatz entwickelt, ja entwickeln müssen.
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* Anders die weißen (Neu-)Amerikaner. Sie kamen als einzeln Erfolghabenmüssende und vertrieben die (Alt-)Amerikaner, die Indianer und Indios durch Gewalt und Krankheiten. Sie setzen seit Generationen auf das Einzelprinzip des "the winner takes it all" und verachten die Loser. Ihre Erziehungsprinzipien werden überwiegend am Erfolg des Einzelnen ausgerichtet sein. Die zahlreichen Schönheitswettbewerbe unter Drei- bis Zehnjährigen Mädchen berichten davon.
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* Oder schwarzafrikanische Kulturen, die hunderte Generationen lang erfolgreich sippen- und stammesorientiert gewesen waren. Mitgliedern dieser Kultur fällt es schwer, sich an der übergestülpten Form eines Staates im europäischen Sinn - einer nächst höheren politischen Organisationsform - anzupassen. Viele Angehörige der politischen Klasse füllen daher ganz selbstverständlich (für unser Empfinden aber ungeheuerlich) ihren eigenen Säckel und den ihrer Sippe. . Staatsorientiert zu handeln, fällt ihnen genau so schwer, wie es derzeit uns Italienern, Deutschen, Österreichern, Franzosen, Engländern,... nur mühsam möglich ist, die nächste Ebene - die europäische - in unser Denken und Handeln zu integrieren.
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* Oder betrachten wir die strikte schulische Trennung zwischen französischem Staat und Kirche, der Laizität. Wenn auch diese Trennung gesetzlich erst um 1900 institutionalisiert worden war, so verursachen das sowohl der weltliche Adel und als auch die religiösen hohen Würdenträger, die im 18. Jahrhundert Frankreich als ihr alleiniges Eigentum angesehen hatten. Zu bunt war ges getrieben worden. So hatten die entfremdeten Führungsspitzen den Boden für die blutige Französische Revolution aufbereitet.
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* Anders bei uns im deutschsprachigen Raum: Wir in Österreich haben einen "Konkordat" aus den faschistischen 1930er Jahren. Das ist ein Vertrag zwischen katholischer Kirche und Staat. Die Bezeichnung sagt bereits alles: 'ein Herz und eine Seele seiend', in buchstäblicher und sinngemäßer Übersetzung. Deutsche Arbeitgeber behalten direkt vom Lohn (!) eine sogenannte Kirchensteuer ein und reichen sie an die jeweiligen katholischen und protestantischen Kirchen weiter. . Und sie haben Kreuze in allen Klassenräumen. Und verbieten - grundsätzlich richtigerweise - gleichzeitig, dass Symbole anderer Religionsgemeinschaften durch Lehrer getragen werden. Bevor wir befremdet die Köpfe schütteln, sollen wir bedenken, dass wir viele Jahrhunderte eben durch eine gemeinsame (gegenseitig stützende) Koalition von weltlichen und religiösen Spitzen geführt worden waren.
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Was glauben Sie, nach welchen Zielen, aufgrund welcher Werte werden pädagogische Konzepte hierzulande geschrieben und exekutiert werden? Nach dem japanischen Prinzip "die Gemeinschaft zählt", nach dem afrikanischen "Sippe und Stamm zählt, nach dem amerikanisch-neoliberalen "der Gewinner zählt", nach einer Mischung aus französischer, deutscher und österreichischer Weltanschauung und Tradition?
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Die exakte Antwort braucht uns im Einzelfall eines Gesetzes oder Verordnung nicht zu interessieren. Es geht um das Verstehen, vor welchen Hintergründen und traditionellen Werten ein bestimmtes pädagogisches Konzept erstellt wurde. Es geht um die Ziele und Umsetzungsmethoden, die - meist ungeschrieben, dafür umso wirksamer - im Hintergrund von Konzepten lauern.
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Das zu verstehen, bei Bedarf eine breiten gesellschaftlichen Diskussion anzuregen und die Ergebnisse zu berücksichtigen, wäre die Aufgabe einer deutlich objektiveren und dennoch aktiven Erziehungswissenschaft. Dann wäre sie eine echte, unabhängige Bildungswissenschaft, die gehaltvolle, zukunftsweisende Vorschläge machen kann, wie die Praxis von Unterricht, Erziehung und Ausbildung zu gestalten wäre.
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Erst dann wird Pädagogikund Didaktik eine eigenständige Wissenschaft sein. Ein Fach mit echtem Selbstbewusstsein, das sich auch durch träge Institutionen wie gesetzesbasierten und verbürokratisierten Schulen nicht von ihren, als gut erkannten Konzepten abbringen lässt.
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Reinhard Neumeier, Juni 2010
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Schulklasse in Nubien / Ägypten: neugierige Mädchen in geschlechtsgemischter Klasse (rechts an der Tür: Neugieriger Direktor) |