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Klick. Hier bin ich. Nein dort ist es besser. Klick. Herr über die Welt vor mir zu sein - wie wunderbar fühlt sich diese Macht an. Ich seh' Neues auf einer Website, lese zwei Sätze und bin wieder weg. Das eben entdeckte unterstrichene Wort hatte noch Interessanteres versprochen. Klick und fort. Und erscheine aus dem Nichts an anderer Stelle. Finde Fotos, Video-Start-Symbole und einige dazwischen eingestreute Sätze.
Als neugieriger Web-Nomade beginne ich das Video – und beende es nach der Eingangssequenz. Zu fad. Die Zaubertür eines anderen unterstrichenen und blauen Wortes (eines Hyperlinks) zieht mich weg. Diese „Über“-Links versprechen neue, übergeordnete Erlebnisse. Sie winken und wollen einen mit einer anderen, vielleicht sogar besseren Über-Ebene verbinden. Wer kann da widerstehen?
Ich nicht. Links verführen zum zielvergessenen Herumstromern. Denn die neue Welt liegt mir und dir zu Füßen, zumindest am Computerschirm. Es macht Spaß, das Neueste zu finden. Oder eine alltagsverständliche Erklärung zu einem komplizierten Begriff aufzustöbern. Innerhalb weniger Augenblicke verschaffe ich mir einen besseren Überblick als vor 20 Jahren nach stundenlangen Recherchen in Bibliotheken. Ja, das Herumzigeunern ähnelt dem Gefühl des Schwebens und des Dahingleitens. Ja, es macht Spass, was gleich bemerkt wird. Ja, es strengt an, was kaum bemerkt wird.
Jede neue Seite will in Sekundenschnelle beurteilt werden: Ist sie seriös oder wenigstens unterhaltsam? Zahlt sich ein Bleiben aus? Das Surfen im Internet führt unmerklich zur mentalen Überlastung mit begleitender Des-Orientierung. Also zum Gegenteil des ursprünglich Angestrebten. Der erklickte Überblick hält nicht an. Interessiert aber wenig involviert wird eine Webseite durchschnittlich nur magere zehn Sekunden (!) lang betrachtet. Das Surfen im Web, das Reiten von einer Site zu einer anderen überfordert überdies das Gedächtnis des Surfers. Das menschliche Arbeitsgedächtnis kann sich nur vier oder fünf unabhängige Informationsstückchen auf einmal merken. Schon die nächste Site verdrängt die Erinnerung an die vorherige.
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Unser Hirn benötigt Zeit fürs Lernen. Der dauerhafte (!) Erwerb von geistigen Fähigkeiten läuft anders: Über den persönlichen Dialog mit einem Gegenüber, über ausgeführte Handlungen oder über einem längeren Versinken in einer spezifische Themenwelt. Zum Beispiel das Versinken: So hatten wir das Lesen in der Grundschule erlernt. Bei einem Thema oder im selben Buch bleibend, linear, Satz für Satz. Mit ruhigem Kopf in die Tiefe eintauchend - egal ob in einen Bastei-Liebesroman auf 64 Heftseiten oder in einem Lehrbuch der Betriebswirtschaftslehre.
In dieser Form werden Brücken zum vorhandenen Wissen im Gedächtnis geschlagen. Die vielen Milliarden Nervenzellen in unserem Gehirn bauen so bisherige Wege aus oder lassen neue entstehen. Das Zulassen des Einbindens von Neuem in die bisherige neuronale Architektur führt zum Erinnern. Konzentration + Zeit führt zu effizientem Lernen. Nicht der herumzappelnde, sondern der ruhige Kopf ermöglicht es, seine Denkmuster kontinuierlich zu verbessern. Die erreichte Konzentration durch herkömmliches Lesen baut intellektuelle Fähigkeiten auf.
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Schlussfolgerung: Wir benötigen beides, das Surfen und das Tauchen. Surfen, um aktuell und bestinformiert zu werden. Und das Tauchen, um – bei Bedarf - diese Informationen im eigenen Gedächtnis abzulegen. Eine ausgewogenen Balance tut not, eine Balance zwischen diesen unterschiedlichen Arten des Aufmerksamwerdens. Die Balance kippt: Das spielerische, so angenehm daherkommende Surfen und Wellenreiten von Seite zu Seite verdrängt das aufbauende, in die Tiefe gehende Bewahren und Festhalten. Kontinuierliches Befassen mit einem Thema erfordert Disziplin. Disziplin ist momentan leider megaout.
Reinhard Neumeier, November 2010
Passende Literatur: Nicholas Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert. Blessing, 2010. Ein Sachbuch, das im typisch amerikanischen seitenaufwändigen Stil verfasst wurde. In den Einzelaspekten erscheint die Beweisführung manchmal wenig stringent. Im Kern jedoch wird Wichtiges (und wohl Richtiges) angesprochen.
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