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Schulsystem: Wann kommt 1920 - wann gibt's den völligen Neubeginn? Drucken E-Mail

 

Von Westen nach Osten bahnte sich die Selbstbestimmung ihren Weg . 1776  manifestierte sich die Demokratie zum ersten Mal in einer westlichen Verfassung - der US-amerikanischen.

1789 gab es die Französische Revolution. 1920 erreichten die Ideen der Aufklärung das geographisch klein gewordene Österreich. Die neue Verfassung setzte  Freiheiten im Namen aller durch. Erst der Kollaps von Österreich-Ungarn hatte einen Neubeginn möglich gemacht. Die Habsburgermonarchie war in seinen letzten Jahrzehnten industriell ein rückständiges Land  geworden. Die in Stände aufgeteilte Gesellschaft wurde zentral regiert. Nein, sie wurde von den Amtsstuben aus administriert. Mit dem Kaiser als oberstem Beamten.

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Unser gegenwärtiges - über die Zeiten gerettetes - Schulsystem ist nach wie vor ständisch organisiert. Es gibt ein dreigliedriges System, welches gezielt die Kinder nach der sozialen Herkunft selektiert. Das heißt, die besseren Kinder nach oben schleust. Lehrer werden dem dreigliedrigen System gemäß getrennt ausgebildet und verschieden bezahlt. Die unterste Verwaltungsebene – die konkrete Schule selbst – hat keinerlei Bedeutung. Warum auch, die Zentralstellen wissen ohnehin alles. Wie in der Politik im ausgehenden 19. Jh. regeln  Verordnungen den Schulalltag. Direktoren wurden zu Verwaltungsbeamten und Zahlenschreibern degradiert. Ergebnis: Die Zentralstellen bestimmen, wie oft Lehrer in jeder Unterrichtstunde höchstens atmen dürfen.

 

All das verweist auf die Ursprünge des gegenwärtigen deutschen und österreichischen Schulsystems: den preussischen Kadettenanstalten, wie sie in den Napoleonischen Kriegen und kurz danach gegründet und organisiert werden waren. Streng nach militärischer Sitte wurde den einzelnen Schülern im 50-Minutentakt von jeweils anderen Offizieren ein jeweils anderer Stoff eingebleut oder besser gesagt: in den Kopf gestopft und getrichtert. Der Stoff dieser Fächer weist keine Verbindungen untereinander auf. Die große Klammer war eben militärische Disziplin.

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Dieses System funktioniert innerhalb einer Organisation, die streng gegliedert ist und auf Befehl und Unterordnung setzt. Vielleicht brächte so ein System sogar heute noch halbwegs passable Ergebnisse. Nur wurde in Österreich seit Mitte der 1970-er Jahren zwar das grundsätzliche System von Anordnungen und detaillierten Vorgaben beibehalten, die Situation in den Klassen jedoch entscheidend verändert: die meisten Instrumente von Ordnungschaffen und Disziplinierung (man traut sich dieses Wort ja kaum mehr schreiben) wurden den Lehrern genommen. Ergebnis: die armen LehrerInnen stehen hilflos vor ihren oft sehr unreifen Schülern.

 

Keine Sorge – morgen regeln (!) wir das. Nur genau dieses wir regeln, diese in den Wolken schwebende Zentralität erzeugt isolierte Einzelkämpfer: Lehrer, die ausgebildet werden, als Lonely Rangers schulische und gesellschaftliche Probleme zu lösen. Der österreichische Lehrer geht in die Klasse und schließt hinter sich die Tür. Er ist nun allein, leider ein Offizier ohne Befehlsgewalt - niemand hilft ihm, niemand sieht ihm oder ihr zu, niemand gibt Tipps. Wie, im Team geht es besser? Was soll der Blödsinn. Österreichs Schulsystem gleich dem unbeirrbar fahrenden Großtanker, der längst in die Irre fährt. Alle sehen es, aber niemand in den Amtsstuben will es wahrhaben. Schulbehörden schotten sich von der realen Welt ab und färben sie gewohnheitsmäßig schön. Jede offizielle Aussendung bezeugt das.

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Wer registriert die geänderte Zusammensetzung der Schüler? Der Großtanker entmachtete ab den neunzehnsiebziger Jahren die Lehrer weitgehend. Autorität ist pfui, ist schlecht. Jugendliche mit südosteuropäischem oder türkischem Migrationshintergrund beispielsweise, welche aus einer Kultur von männlicher Ehre und weiblicher Scham kommen, ticken anders. Sie werden zu Hause hart angefasst. Nur mit ihnen reden? Keine Konsequenzen fürchten zu müssen? Sie lachen. Weiber schwafeln, Männer handeln.

 

Ein enger Freund, ein pensionierter AHS-Lehrer, erzählte mir von folgender, genau abgelaufener Begebenheit - das Beispiel verdeutlicht die unmögliche Situation der Lehrer in Schulen: Ein pubertierender Junge im Pflichtschulalter stört den Unterricht, beschimpft die Lehrerin, zerreißt die Noten des Musiklehrers,... Folgende Maßnahmen wurden in jeweils extra einberufenen Disziplinarkonferenzen der Lehrer (rund 120 geladene Personen) im Laufe von Monaten diskutiert und beschlossen: Der Klassenvorstand spricht offiziell eine Warnung aus / Der Direktor spricht eine Warnung aus / Es wird der Antrag auf Ausschluss angedroht / Dem Antrag auf Ausschluss wird zugestimmt. 1.400 Lehrerstunden hatten vier klare Beschlüsse gebracht. Die Landesschulbehörde antwortete mit einem Njet. Fazit: Alle Beteiligten hatten sich lächerlich gemacht. Normaler Unterricht war unmöglich geworden. Keiner der Schüler dieser Klasse lernte mehr. Eltern nahmen ihre Kinder aus der Schule. Die Klasse wurde mit Schulschluss aufgelöst.

Wann kommt für unser Schulsystem das Jahr 1920? Wann werden wir selbstbestimmte Schulen haben - 2020, 2030 oder 2040? Nach dem fünfzehnten PISA-Schock?

Reinhard Neumeier, März 2009

 

Bild: Straßenkehrer im ägyptischen Luxor während einer spontanen Arbeitspause.

 
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