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Ein offener Brief an die (jetzt vierzig-, fünfzig- oder sechzigjährigen) Nachkommen jener Deutschen, die nach 1944 vertrieben wurden:
Wir Nachkommen der Vertriebenen - wir ahnungslos Betroffene
Die verlorene Heimat der Eltern, Enteignung, Flucht – was hat das mit uns Nachgeborenen zu tun? Ja, uns wurden Geschichten zum Nachdenken erzählt: vom Dorfbrunnen, von hohen Maisfeldern und vom Eis im Keller auch im Sommer. Doch das war's oft schon. Unser Leben fand hier in Österreich statt: suchend, strebend, stolpernd, konsequent sich immer aufraffend und vorwärts kommend.
Was haben denn wir mit dieser fernen Vergangenheit zu tun? Sehr viel - und wir ahnen nichts davon.
Klar, wesentliche Bedingungen unseres Lebens waren durch die Ereignisse nach 1944 vorgegeben worden: der Verlust des familiären Hab und Gutes, das Heranwachsen in zerstreuten Kleinfamilien. Die ursprünglich großen und vernetzten Familienverbände waren ja zerrissen worden. Die Überlebenden hatten sich in Österreich, Deuschland und Nordamerika angesiedelt. Ein ferner Onkel da und zwei Tanten dort, die zu Weihnachten Briefe sandten. Herrlich für einen Buben in den fünfziger Jahren - meistens war ein Dollar für ihn drinnen.
Doch helfende Hände und hilfreiche Tipps waren für viele Mangelware. Berufliches Familien-Know-how war selten weitergegeben worden. Von wem auch? Und für wen? Und wäre es überhaupt brauchbar gewesen in der neuen Gesellschaft, in der sich nun alle zurecht finden mussten?
So waren wir, die zweite Generation, gezwungen, uns überall neu zu orientieren. Wir mussten suchen, uns umsehen und lernen, Fuß zu fassen. Im Beruf, in der Partnerschaft, am Wohnort oder was die Lebenskultur betrifft. Die aus dem Mangel von Orientierung zwangsläufig entstandenen Fehler und Irrtümer lasteten wir uns selbst an. Das brachte uns als Persönlichkeiten voran, denn langfristig gesehen gilt: Das Leben ist unvorhersehbar.
Das Nichtvertraute, das Neue war für uns das Gewohnte. Oft waren wir auf uns allein gestellt. Fein, wir Vierzig-, Fünfzig- und Sechzigjährige konnten uns durchboxen, ohne auf tradierte Zwänge Rücksicht nehmen zu müssen. Das war der große Vorteil unseres Lebens. Der große Nachteil unseres Lebens war über lange Zeit eine gewisse, nur in der Tiefe merkbare, emotional Unbehaustheit. Wir hatten schon eine Heimat, allerdings erst eine Generation lang. Die tiefen Wurzeln fehlten.
Sprechen daher wir Angehörige der zweiten und nach wie vor betroffenen Generation doch miteinander! Tauschen wir unsere Lebensgeschichten aus!
Reinhard Neumeier
(Angehöriger der zweiten Generation, die Mutter stammt aus dem Banat)
Bild: Sonnenaufgang an einem Wintermorgen in Wien. Als Symbol einer neuen Heimat in der Aufnahmegesellschaft.
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