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Sneakers an den Füßen - mager, schwarze Haut, Kette mit weißem Kreuz um den Hals: Der letzte Bursche, welcher mit fünf anderen Bewaffneten unseren Bus gestoppt und ausgeraubt hatte, kehrte um.
Er war schon fast draußen gewesen als sein Blick auf meine Hose gefallen war, die offenbar hell unter den Sitzbänken durchgeschienen hatte. Ich dürfte der Liebling dieses Kerls gewesen sein, denn in der Hand trug er meine (nun allerdings nicht mehr) Fototasche. Trotz zahlreicher Warnungen hatte ich die 2.500-Euro-Ausrüstung mit nach Südamerika in den venezolanischen Dschungel geschleppt. Wozu sonst die Reise, wenn spannende Fotos ausgeblieben wären?
Zu cool hatte wohl auch meine weiße Trekking-Hose gewirkt. War sie doch wind- und regenabweisend, hatte Gesäß-, Oberschenkeltaschen und einen schwarzen geflochtenen Ledergürtel (mit Geheimfach, haha). So kam der Räuber eben zurück und wollte die Hose haben. Er hatte wenig Zeit, denn die anderen kletterten gerade auf den roten Pickup, um wegzukommen. Kaum hatte ich den Gürtel gelöst, zerrte er ungeduldig an beiden Beinen und riss mir die Hose runter. Mit dem Hitec-Textil-Ding in der Hand eilte er zu den wartenden Kollegen. So begann ein Tag, an dem ich die meiste Zeit nur Hut, Hemd und Unterhose tragen würde. Ach ja: Auch Flip-flops, denn meine Schuhe waren ebenfalls kassiert worden.
Die intensive, aber endlos scheinende halbe Stunde, in der diese zwanzigjährigen Burschen uns europäischen Touristen metallisch-silberne Pistolen vor die Nase gehalten hatten, war vorüber. Und damit der Filmriss. Die Landschaft außerhalb des klimatisierten Busses war für kurze Zeit nicht mehr als Filmkulisse vorbeigezogen: Mal eine Aussicht auf eine südamerikanische Stadt oder endlose Dornenbüsche oder eine Brücke über einen Fluss (gab's da Piranhas drinnen? Ahh - Gänsehaut).
Nach einer Woche Rundreise in Venezuela hatten wir einen der entferntesten Winkel des Riesenlandes erreicht. Noch zwei weitere Wochen voller Sehenswürdigkeiten inklusive Anden und Karibik harrten unser. Als nächstes stand ein Dschungelcamp mit echten Indios am Programm: Im echten Orinoco-Amazonas-Dschungel mit Schlafen in echten Hängematten: Drei Tage und Nächte in originalen Urwaldhütten inmitten eines originalen Dschungels mit originalen Gefahren. Alles durchgeplant und wohl organisiert: Sightseeing und angenehm prickelnde Erlebnisse nach dem Terminkalender.
Nein, Termine gibt's nun keine mehr. Wir wissen nicht, wie es weiter geht. Aussteigen und Zurückgelassenwerden? Kidnapping und Lösegeldforderung? Kolumbien, wo das zum Standard gehört, ist weit weg - oder doch nicht? Die Kerle filzen auf grobe Weise uns Touries. Sie nehmen Geld, Kameras, Uhren, Pässe und Tickets ..... und bleiben im Bus. Teufel noch mal, was wollen die noch? Sie rennen im Gang hin und her, sind verärgert und unzufrieden.
Die Beute ist klein, zu klein. Bisher hat es sich nicht ausgezahlt: Die Planung, die stundenlange, verdeckte Verfolgung unseres Buses, das Risiko des Überfalls, die bevorstehende Flucht von drei bis vier Stunden, um auf der einzigen Hauptstraße in die Zivilisation zurückzukommen (mit einfachen Sperren dieser Straße durch die Polizei wären sie dran gewesen). Wir befinden uns auf einer Straße, auf der pro Tag nur ein oder zwei Autos fahren. Auf der vorherigen 'Hauptstraße' war es immerhin ein Fahrzeug je Viertelstunde gewesen.
Einige der Kerle wirken nervös, zwei von ihnen entdecken den versteckten Vorrat an Bierdosen zweier deutscher Jungtouristen. Sie reißen eine Bierdose nach der anderen auf, trinken und werden locker. Was sich richtig 'gut und entschärfend' für unsere Situation auswirkt: Nervöse und bewaffnete Räuber trinken sich einen Schwipps an. Prost, Mahlzeit - hoffentlich ballern sie nicht demnächst aus angesoffenem Übermut in der Gegend herum. Der Reiseleiterin wird eine Pistole an den Kopf gesetzt. Ich kriege eine Kopfnuss, weil das Geld in meinem Schulterhalfter mir nicht mehr in Erinnerung gewesen war. Mein Magen pocht. Draußen steht die Landschaft noch immer still.
Ich lebe voll in der Unsicherheit, mitten im Jetzt und spüre ein leichtes Klopfen im Hals und gleichzeitig viel Klarheit - eine halbe Stunde lang, eine gefühlte Ewigkeit. Mein jahrelanges Meditieren war zwar anregend und nett gewesen, hat es aber nicht ermöglicht, diese klaren, dichten und hautnahen Momente der unmittelbaren Gegenwart hervorzuzaubern.
Aha, deswegen also verbringen buddhistische Mönche ihr Leben sitzend, rezitierend und gongschlagend im Kloster. Das entpuppte sich als eines der ganz großen Geschenke dieses Überfalls in Venezuela: Die Früchte eines disziplinierten mönchischen Lebens in einer halben Stunde erfahren.
Reinhard Neumeier, Juni 2010
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