Ganzheitliches Counseling in Wien Nach Kategorien Autobiographisches Von den Vorteilen, überfallen und ausgeraubt zu werden (2)

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Venezuela: Truckfahrer auf der Landstraße


Irgendwo im Süden von Venezuela:

Die anthrazitfarbene Boxershort flattert im Wind (ich trage immer eine Nummer größere Unterhosen als es sein müsste), dazu ein Polohemd im selben Farbton - das aber war aber reinster Zufall.

und habe einen breitkrempigen Sombrero aus Stroh am Kopf und Flip-Flops unter den Fußsohlen. So stehe ich am Marktplatz eines Dorfes am Rande des venezolanischen Dschungels.

Das Dorf ist eine reine Siedlung von Schwarzen - ein Polizei-Wagen hatte uns nach eineinhalbstündiger Fahrt hier abgesetzt und war weitergefahren. Warum die Ordnungshüter uns zurückgelassen haben und wohin sie anschließend gefahren sind - keine Ahnung. Wir sechs Mitglieder der Gruppe, die am Vormittag nach dem Überfall in brütender Hitze losgelatscht waren, um Hilfe zu suchen, stehen nun auf dem Marktplatz dieses Fleckens herum. Einige Bewohner betrachten uns interessiert - wie neu eingetroffene Tiere im Stadtzoo. Touries kennt man anders: Schemenhafte Köpfe hinter verdunkelten Scheiben eines klimatisierten Busses oder in Horden Blödsinn als Souvenir kaufend.
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Die spanische Sprache scheint man nur rudimentär zu verstehen. Irgendwann kommt die Botschaft an. Eine Botschaft, die man uns eh ansieht: Überfall. Beraubt worden und kein Geld habend. Und durstig. Es gibt einen kleinen Laden, der Wasser in Plastikflaschen hat. Man weiß, die Weißen vertragen nichts anderes. Obwohl wir nicht bezahlen können, kriegt jeder Wasser. Soo frisch schmeckt Wasser.
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Das Dorf war vor 200 bis 300 Jahren von entflohenen schwarzen Sklaven gegründet worden. Menschen, deren Vorfahren die Heimat, Angehörige und das Recht auf ein eigenes Leben geraubt worden war. Menschen, die als reine Arbeits-"Kräfte" verwendet und ausgebeutet worden waren und deren Leben vielleicht zweihundert Dollar wert gewesen war, wenn sie durch 'unsachgemäße' Behandlung eines weißen Herrn zu Tode gekommen waren.
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Wie wenig dagegen ist uns geschehen: Nichts, gar nichts! Nicht ein einziger Blutstropfen war geflossen. Das verschwundene Geld, die geraubten Koffer, Kleider, Kameras, Kreditkarten, Flugtickets, Pässe - alles einfach nicht der Rede wert!
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Nach längerem und ungewissem Warten im Dorf, nach einem weiteren seltsamen Hin- und Hergeführtwerden von uns gestrandeten Reisenden, dessen vermutlicher Zweck mir erst zu Hause in Wien endgültig klar werden wird, landete unsere gesamte Reisegruppe tief in der Nacht in der Ausgangsstadt. Von hier waren wir am Vortag frohgemut Richtung einer der Indio Campsites aufgebrochen. Ich hatte nun sogar meinen Hauptkoffer - samt den dort verwahrten 200 Dollar - wieder in Händen.
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Einer der beiden Gepäckfächer unseres Busses war von den Räubern nicht entdeckt worden. Und die einheimische Reiseleiterin hatte dieses Fach, trotz intensivster Drohungen und einer an ihrer Stirn angesetzten Pistole nicht verraten. Absolut todesmutig diese selbstbewusste Frau. Ich hätte geredet. Ein Menschenleben wären in meinen Augen die Gepäckstücke nicht wert gewesen.
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"lieber papi!

e. und ich haben parallel gearbeitet, so schnell wie möglich. alles erledigt hoffentlich ist nix passiert, auskunft haben sie mir nicht darüber geben können. no servas, ist euch eh nichts passiert?

das muss schiach gewesen sein. wie machts ihr das jetzt, könnts ihr weiterfahren überhaupt? glaubst du, war das organisiert? ist der reisepass auch weg? ticket? ich hab so eine wut, auf die leute, ein wahnsinn. ich hoffe es geht dir gut lg h."


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In mir geht die Sonne auf - so wunderbare große Töchter! Sie hatten blitzschnell alle Unterlagen und jeweilige Nummer von Kreditkarte und Bankkarte herausgefunden und sperren lassen. Nicht, oder nicht nur, der erfolgten Kontensperren wegen (die Sperren hätten ja zu spät kommen können) war dieses wohlig warme Gefühl entstanden, sondern wegen des sofortigen Zur-Seite-Stehens, des Zusammenhaltens, der emotionale Anteilnahme. Selbst jetzt, Jahre später, entsteht wieder die Wärme beim Schreiben.

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In der ersten Minute des Öffnens, gleich um neun Uhr am Morgen des Folgetages war ich in einen Internetshop gerannt (wir waren ja wieder zurück in der 'Zivilisation') und hatte SMSe und Emails an meine Frau, die beiden großen Töchter und Schwester gesandt. Nach rund zwanzig Minuten war das obige Email zurückgekommen.


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In good old Europe hätten wir nach der Protokollierung der Erzählungen durch die Polizei nach einigen Stunden unsere Reise fortsetzen können. Hier in Südamerika mussten wir drei Tage in der Stadt bleiben. Wie, warum und welche andere Räubergeschichten sich dahinter verbargen - dazu mehr im nächsten Essay. So ist es eben üblich in Fortsetzungsromanen ;-)
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Reinhard Neumeier, Juni 2010
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Bild: Freundliche und an uns interessierte Venezolaner an einer Fernstraße. Eines der ersten Fotos, das mit einer neu erstandenen einfachen Billigstkamera (ich hatte ja nur mehr 200 Dollar für die restlichen 2 Wochen Aufenthalt) gemacht wurde. Es geht auch mit simpler Ausrüstung.
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Zum dritten Teil der Serie.
 
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