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25 Dollar für jedes geraubte Flugticket, 25 Dollar für jeden entwendeten Pass - so das Angebot an unsere Reiseleiterin am Folgetag. Unter strikter Auflage, nichts uns Reisenden zu sagen. Erleichtert, dass der Tag es Überfalls Geschichte war, sitzen wir Reisende herum und warten. Und warten und diskutieren, die Reise abzubrechen oder mit den geringen Mitteln, die uns geblieben sind, fortzusetzen. Wir warten - bald kämen doch Beamte, denen wir die Vorgänge genau schildern können. Noch besser: Es wird uns eine Spezialist angekündigt, der Gesichts-Zeichnungen der Bewaffneten machen werde. Zwecks einer Fahndung.
Doch - dieser Spezialist kommt nicht. Vielleicht wird nach ihm polizeiintern gefahndet. Überhaupt: Niemand aus unserer Gruppe spricht je mit Beamten, nie werden Schilderungen aufgenommen. Alle Gespräche laufen zwischen der Reiseleitung (der Chef der venezolanischen Firma, die uns betreut, war persönlich aus Caracas in die Provinzstadt geflogen) und den Behörden im Hauptquartier der Polizei. Insgesamt vergehen so drei Tage.
Das 25-Dollar-Angebot je Ticket oder Pass war der lokalen Reiseleitungsfirma zu teuer - sie hätte es ja voll zahlen müssen. Von all dem wissen wir nichts. Da kommt meine, in Österreich lebende Schwester ins Spiel. Sie spricht sehr gut spanisch, besitzt aufgrund ihres Berufes gute Kontakte zu offiziellen südamerikanischen Stellen und telefoniert stunden- und tagelang in der Welt herum. Sie erfährt vom geheimen Angebot. Ich - wie immer glücklich, Geheimes erfahren zu haben - berichte meinen Reisekollegen von diesen seltsamen Angeboten und den Verhandlungen.
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Hhmm, wie war das gewesen? Wie waren die geraubten Tickets und Pässe in die Hände der Polizei gekommen? Ganz einfach: Sie waren gleich am nächsten Morgen nach dem Überfall auf der Sitzbank im verlassenen roten Pickup (das Auto der Räuber) gefunden worden. Vielleicht schon alphabetisch sortiert, dass es die Polizisten leichter haben? Hhmm, wie war es am Tag des Überfalls gelaufen? Nachdem wir Hilfeholenden die Hauptstraße erreicht hatten und nach längerer Zeit tatsächlich ein LKW angehalten hatte, um uns mitzunehmen, war in dieser weiten autoarmen Gegend wie aus dem Nichts (oder hinterm Busch hervor) ein Polizeiwagen da. Zufällig.
Hhmm, wie war das gewesen? Wir waren aus einer von zwei Provinzstädten gekommen, die nur durch eine Hauptstraße verbunden sind. Ein Weg, für den man selbst bei rascher Fahrt vier Stunden benötigt und Abzweigungen (in das Buschland, in den Dschungel) mittels eines Autos nicht möglich sind. Hätte nicht eine Sperre an einem Straßenende in der einen Stadt und eine zweite Sperre am anderen Straßenende die Bandideros ziemlich eingekreist? Der Polizeijeep, in den wir Hilfesuchende geklettert waren, hatte ein Funkgerät im Wagen. Nachdem wir - mehr oder weniger aufgeregt - vom Überfall berichtet hatten, geschah .... nichts. Unsere bestens spanisch sprechende Reiseleiterin deutete auf das Mikrophon des Funkgerätes und regte an, die Nachricht durchzugeben, Hilfe zu holen, vielleicht die Straße abzusperren. Ach neeein, das Funkgerät ist kaputt. Ach sooo.
Hhmm, wie war das mit den imposanten Pistolen der Pistoleros gewesen? Alle sechs hatten die gleichen hypermodernen Geräte besessen, deren Geschosse 30 cm tief in Fichtenholz eindringen können. Hatten sie den gleichen Ausrüster gehabt? Wären nicht billige und unterschiedliche Waffen bei einer Straßengang im armen Hinterland Venezuelas zu erwarten gewesen? Woher war das viele Geld für die tolle einheitliche Bewaffnung gekommen? Wo sie sich im Bus sogar auf unsere gebrauchten Schuhe gestürzt und uns Reisenden noch die billigste Uhr abgenommen hatten?
Hhmm, wie ist das nun? Wahrscheinlich Zufall, aber kurz nach dem Auffliegen der inoffiziellen, unmoralischen Angebote, erhalten wir ein allgemeines Protokoll zum Überfall. Ohne offizielles Protokoll wären wir nicht durch die zahlreichen Straßensperren des Militärs gekommen. War unsere Reiseleitung zusätzlich erpresst worden, das Angebot anzunehmen? Hhmm, Protokoll? P-r-o-t-o-k-o-l-l? Nöö, ein Protoköllchen, ein Wisch ohne Datum und ohne Nix: "es wird bestätigt, dass eine Touristengruppe beraubt wurde und Ausrüstungsgegenstände wie Kameras und Uhren abhanden kamen" (sinngemäß). Haha, dieses Touries, selber schuld.
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Um die Geschichte abzukürzen: Wir sind mit diesem Protoköllchen durchs Land gefahren. Und hatten - oh Wunder - am Tage des Abfluges in Caracas unsere originalen Tickets und Pässe von der Reiseleitung ausgehändigt bekommen. Schön offiziell und voll Grandezza wurden die Doumente im Rahmen eines, vom Tourismusministeriums bezahlten Essens mit Tanzvorführungen (inklusive Pferd und Reiter auf der Tanzfläche) überreicht. In einem machoiden Nobelrestaurant. Die Reiseleitung hatte die Dokumente um 12 Dollar das Stück zurückgekauft, wurde später gemunkelt - die geraubten Dokumente waren nun am Ende der Reise deutlich weniger wert gewesen.
Schrieb ich alle? Hhmm, es gab eine Ausnahme: Mein Pass war nicht zurückgekauft worden. Gerade dieses eine Dokument war irgendwie im - grünen oder institutionellen - Dschungel verloren gegangen. Zufall oder Strafe wegen meiner losen Zunge, dafür, dass ich die korrupten Angebote der Polizei publik gemacht hatte?
Ich wurde jedoch mit neuen Erkenntnissen belohnt: Man stellte mir in der österreichischen Botschaft in Caracas einen Ersatzpass aus, obwohl nur mehr vier Greenbacks (Dollars) in meiner Tasche waren, obwohl für den Ersatzpass aber 74 Dollar in Rechnung gestellt wurden. Ein hochrangiger österreichischer Beamte hatte mir einfach die 74 Dollar privat bezahlt. Der offizielle Weg wäre zu kompliziert und langwierig gewesen. Er schrieb mir auf einem Kaszettl ("Käsezettel", österreichisch für Notizblatt) seine Kontonummer und schüttelte mir die Hand zum Abschied. Einfach so.
Ein Beamter! Ein Staatsdiener, über die in Österreich so oft gelästert wird. Der Unterschied zwischen dem vor wenigen Tagen erlebten Verhalten beamteter Ordnungshüter in einer Provinz dieses südamerikanischen Staates und einem loyalen Vertreter Österreichs hätte gigantischer nicht sein können. Wir Europäer wissen nicht, wie gut es uns geht. Euro-Krise hin, Schulden-Krise her. Wir schätzen selten, was wir haben und worauf wir uns in schlechten Zeiten verlassen können. Klar hab ich in den ersten Stunden meiner Rückkehr in Wien das Geld überwiesen und einen Dankesbrief an das Außenministerium geschrieben.
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Es gäbe noch von weiteren Positiva zu berichten, die mir dieser Überfall gebracht hatte:
<>Dass ich bewusst zwei Jahre nur mit einer einfachen, automatiklosen Spiegelreflexkamera fotografierte und aufgrund der manuell vorzunehmenden Einstellungen lernte, Licht und sonstige Gegebenheiten ohne Automatik abzuschätzen?
<>Dass ich einiges über die dominierenden ökonomischen Hintergründe der Medienlandschaft lernte. Ein befreundeter Journalist hatte ursprünglich gemeint, diese spannende Geschichte kriegte er locker in Zeitungen unter. Wohl aufgrund einer eben angelaufenen PR-Kampagne des venezolanischen Tourismusministeriums mit bunten und teuren Anzeigen von karibischen Inseln, Sonne und Andengipfeln war aber kein Verlag mehr interessiert gewesen.
<>Dass ich nun mit großer Freude Tagesausflüge zu Fuß oder mit dem Rad in der Landschaft um Wien genieße? Welch ein Segen, wie ruhig, wie sicher, wie schön!
Reinhard Neumeier, Juni 2010
PS: Zurück in Wien fand ich eine deutsche soziologische Studie einer rheinischen Universität, die Einstellungen von Exekutivbeamte in Deutschland, Chile und Venezuela erfasst hatte. Geringe und unregelmäßig gezahlte Gehälter, ferne Zentralgewalten und über Jahrzehnte schwächer werdende Loyalität zum Staat in einer (real ständisch gelebten) Demokratie führen dazu, dass Polizeibeamte in entlegenen Provinzen von Venezuela illegale Praktiken nicht als verwerflich ansehen. Sie brauchen das so erworbenen Geld, um zu überleben, um ihre Familien zu ernähren.
PPS: Viel verstörender war das zweite Hauptergebnis dieser Studie: Die Polizei in Chile war ähnlich widerstandsfähig gegenüber Korruption und illegalen Praktiken wie die deutsche Polizei. Die untersuchenden Wissenschaftler führten das auf die Sozialisierung und Disziplinierung der Exekutive im Rahmen der chilenischen Diktatur in der vergangenen Generation zurück! Ein positiver Effekt, wovon noch jetzt die chilenische Demokratie profitiert! Wie erstaunlich zeigt sich doch die Welt, nicht?
Zum ersten Teil dieser Folge.
Bild: Verkauf von Schaf-/Ziegenhälften an einer Landstraße in Venezuela
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