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Am 17.07.2010 um 08:21 schrieb C. G.:
Guten Morgen aus Tirol, ich bin grad googelnder Weise auf der Suche nach einem, Ihnen namensähnlichen Musiker und bin im Moment vollkommen verblüfft, dass es Menschen gibt, deren Titel länger ist als ihr Name.
Nachdem man ebensolche ja in den seltensten Fällen geschenkt bekommt, drängt sich mir neben großer Bewunderung auch grad eine recht freche Frage an Sie auf: Wann haben Sie bis jetzt gelebt?
Neugierig C.G.
Meine Antwort vom 19. Juli 2010:
Guten Abend aus Wien,
vielen Dank für Ihre "freche" Frage. Frau G., Sie unterstellen allerdings, dass das Erwerben von Wissen öde sei - also das Gegenteil von wahrem Leben. Sorry, nein, das Suchen nach Erkenntnis und das Finden kann enorme Freude bereiten!
Leider bringt unser Schulsystem überwiegend Absolventen hervor, die vom Lernen ein für alle Mal genug haben, die Bücher oder fachliche Diskussionen nicht mehr ausstehen können. Unser völlig antiquiertes österreichisches Schulsystem wird erst dann gut sein, wenn Kinder am Beginn der Ferien weinen, weil sie nicht mehr in die Schule gehen können - und das ist nicht als Witz gemeint.
Vor fast dreißig Jahren litt ich an einer Depression. Der Grund war einfach: Meine alternativ-esoterische Weltanschauung hatte sich zu beachtlichen Teilen als falsch erwiesen. Ich musste mein Leben komplett umkrempeln: Nun in lauter Großstadt leben statt am stillen Lande, angestellt zu sein in einem Riesenunternehmen statt selbständig, das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben, ... Die über Jahre zuvor konstruierte Lebensanschauung eines besseren, harmonischeren und gesünderen Lebens war den Bach runtergegangen. Also grübelte und litt ich rund zweieinhalb Jahre - bis mein Bild von der Welt mit dem von mir und meiner Umgebung wieder in eine bessere Balance kam.
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Mich hatte Ende der 1970er Jahre die Makrobiotik, eine esoterische Strömung erwischt. Es war eine Strömung, die Ernährung mit der Lebensführung verknüpfte. An sich war der Begriff und die Idee schon ziemlich angegraut (es stammte von einem deutschen Arzt, Hufeland, aus dem Ende des 18. Jahrhunderts), aber eine Japaner hatte um 1920 diese zutiefst europäische Idee aufgeschnappt, mit engen traditionellen japanischen Ideen verknüpft und als ewige Weisheit des Ostens in den Westen gebracht.
Makrobiotik erschien mir als ein Konzept, das Hintergrundwissen versprach, das war in meinen Augen das Tolle daran. Etwas, dem ich schon als Junge noch und noch nachgelaufen war. Ich wollte immer 'in die Tiefe' oder 'hinter den Horizont' schauen.
Und als ich Gegen Ende 20 feststellen musste, dass ich einen, für mich nicht passenden Beruf studiert und ergriffen hatte, und mich daher nach Lebenserfüllenderem umsah, wurde ich Opfer dieser aufgebürsteten Ideen. Die Fesselung durch diese Pseudophilosophie war so intensiv, dass ich daraus einen Hauptberuf machte und als Vortragender Inhalte verkündete, die plausibel erschienen und sich doch - später - als teilweise falsch herausstellten. Siehe Kurier, 13. März 1983.
Der schlechte Witz daran war der, dass sich auf diese Weise ein 'Akademiker' des 20. Jahrhunderts in das 15. Jahrhundert zurückgeworfen hatte. Vielleicht sogar zweitausend Jahre zurück in die Antike, denn die Grundideen - der Neuplatonismus etwa - stammen aus dieser Zeit.
So musste ich eben nach dieser rund 5-jährigen Makriobiotik-Phase leiden und aufarbeiten, was schief gelaufen war. Im Alter von 43 startete ich ein Philosophiestudium mit Schwerpunkt auf Wissenschafts- und Erkenntnistheorie:
1. Um zu verstehen, was ich falsch gemacht hatte und
2. um so etwas nicht mehr wiederholen zu müssen und
3. es spät aber doch besser zu machen.
Anschließend folgte aus ähnlichen Gründen ein Studium der Sozialpsychologie. Es macht mir Spass, mit aktuellem Wissen und auf seriöse Weise theoria zu betreiben, also zu 'durchschauen'. Etwas zu sehen, was nicht sofort sichtbar ist. Ziel und Zweck dieser Website ist dem gewidmet - schauen Sie sich meine Themen an und lesen Sie vielleicht das eine oder andere meiner Essays.
Natürlich kann diese theoria auch falsch sein. Das Spiel zeigt sich als wunderbar kompliziert. Abkürzungen im Sinne von Verkürzungen und Vereinfachungen werden zu Rückfällen - siehe etwa den Beitrag zur 5-Elemente-Ernährung.
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Um das offenbar so Erstaunliche und Unfassbare zu wiederholen: Erkenntnis nachzujagen und zu erwerben macht Spass. Ein "Ja, so ist es!" wird zur puren Lebensfreude. Schade, dass den meisten Menschen diese Erfahrung entgeht.
Mit den besten Grüßen nach Tirol Reinhard Neumeier
Fragen Sie Bekannte, in welchem Sternzeichen sie geboren wurden und schließen dann auf deren Charakterzüge? Nehmen Sie Bachblüten-Essenzen? Lassen sich Freunde von einer Astrologin die Zukunft vorhersagen oder zwecks Heilung von Reiki-Meistern die Hand auflegen? Trinken Sie energetisiertes Wasser? Hängen Eltern in Ihrer Umgebung Kindern Kraft-Steine um den Hals?
→ Die neuzeitliche Esoterik, der Glaube an Zauberei, der Glaube an die positive Magie, hat am Beginn des 21. Jahrhunderts den Alltag erreicht. Soll man darüber weinen, lachen oder zynisch unserer modernen Zivilisation gratulieren? Die Wiederverzauberung der Welt ist im vollen Gange. Viele Zeitgenossen kehren in magische und abergläubische Jahrhunderte zurück.

Gedanken zum Bild: Extremes im Extremen: Eis + Sommer, Licht + Nacht, Warten + vorbeirasende Autos, Genuss + Rastlosigkeit
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