Ganzheitliches Counseling in Wien Nach Kategorien Autobiographisches Wir Söhne und Töchter von Vertriebenen - wie uns elterliche Lebensaufträge formen

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Wir Söhne und Töchter von Vertriebenen - wie uns elterliche Lebensaufträge formen Drucken E-Mail

"Was tue ich hier eigentlich?" - drei Wochen nach meinem sechzigsten Geburtstag ist diese Frage zum beherrschendem Thema meiner Gedanken geworden. Da sitze ich weißhaarig gewordener Doofknopf zwischen 19- und 23-jährigen Studenten und hatte vor Kurzem gerade das vierte Doktoratsstudium begonnen.

Äh ja - hust, hust - mein viertes. Vier bisher erreichte akademische Magister-/Master- und drei Doktorgrade waren scheinbar nicht genug. Klingt schon fast nach Sucht. Wie nur ist es dazu gekommen? Wart es wirklich nur die ehrenhafte Suche nach neuem Wissen, das Trachten nach Erweiterung des Horizontes, wie ich es mir gelegentlich zurecht gelegt hatte? Gleichsam der Blick in die weite Ferne gemäß dem klassischen Bildungsideal?


Statue im Wiener Schwarzenbergpark


"Reinhard, lern'. Was du im Kopf hast, kann dir niemand wegnehmen". Diese Worte hatte ich als Kind oft von der Mutter gehört. Sie ist eine Vertriebene, das heißt, sie war als Deutsche, als Banater Schwabe nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Banat vertrieben worden, hatte Haus, Hof, viele ihrer Familie und die Heimat verloren. Manchmal ergänzte sie ihre Worte durch die Erzählung, dass in jener Zeit viele Großbauern, die über Generationen Joch um Joch angesammelt hatten, über Nacht ihre Felder und Besitzungen verloren hatten. Und mehr als einmal hörte ich, dass ein Cousin, der unter erheblichen finanziellen Anstrengungen seiner Familie Medizin studiert hatte, ein angesehener und gut verdienender Arzt in München geworden war. Ihm hatte niemand etwas wegnehmen können.


Psychologen nennen das einen Lebensauftrag, einen emotional stark unterlegten Auftrag seitens einer wichtigen Bezugsperson, etwas Bestimmtes im Leben zu tun oder zu erreichen. Um unmissverständlich gleich zu erwaehnen: Ich bin froh, diesen Auftrag erhalten zu haben und kann mich selbst ohne diese Anweisung nicht vorstellen. Mein Lebensweg wäre wohl anders verlaufen. Denn, was ich lernen möge, war in diesem Auftrag nicht enthalten. Nur DASS ich etwas, nein möglichst VIEL lernen sollte. Die Familientradition war - wie bei vielen Vertriebenen - unterbrochen worden. Die Vertriebenen waren in einem neuen Land, in einer neuen Gesellschaft mit neuen Regeln und Inhalten gelandet.


Δ


Also lernte ich eben alles Mögliche, vieles schien interessant. Und wusste daher nach der Matura nicht, WAS nun zu studieren (= das weitere Lernen gemäß des Auftrages). Nach einigem Hin und Her schrieb ich mich in der Hochschule für Welthandel ein. Anders als heute war Betriebswirtschaft vor 40 Jahren so breit und vielseitig angelegt, daß man es als Fortsetzung des Gymnasiums ansehen konnte. Man brauchte sich daher nicht mit 18 auf ein Fach beschränken und hatte trotzdem die Aussicht, Karriere zu machen. Gut kann ich mich diesbezüglich an ein Gespräch mit meinem Schwimmtrainer, einem meiner wichtigen Bezugspersonen als Jugendlicher, erinnern. Im Grunde hatte er mir damals aufgezeigt, wie den Lebensauftrag - ohne Festlegungen(!) - weiter zu erfüllen.


Es kam, wie es kommen musste: In den ersten Jahren in der Praxis stellte sich heraus, daß die Tätigkeit eines Managers mir nicht lag. So zog ein 28-Jähriger seine erste Lebensbilanz: Ein falsches Studium gewählt und daher beruflich auf ungeeigneten Gleisen fahrend. Kein Wunder, daß in dieser Zeit die ersten grauen Haaren auftauchten.


Es folgten einige berufliche 180-Grad-Wendungen. Um wenigstens nachträglich zu verstehen, was sich hierbei im Hintergrund abgespielt hatte und wofür es vielleicht nützlich sein könnte, studierte ich berufsbegleitend Philosophie und Psychologie. Natürlich kann das auch anders interpretiert werden: Der Lebensauftrag wurde weiter ausgeführt, obwohl mir dieses Muster ab Mitte der neunziger Jahre nun bewusst geworden war. Aber Lebensaufträge verfügen über eine hohe emotionale Macht. Und so saß eben ein Grauhaariger inmitten der überüberübernächsten Studentengeneration.


Dennoch: Es gibt nichts zu beklagen oder zu bereuen. Im Gegenteil, ich bin dankbar für diesen Auftrag. Denn ich fand in einem Alter, in dem andere in Pension gehen, einen Beruf, der mir mehr als nur gefällt. Ich fühle mich wohl, mit anderen Menschen zusammen zu sein und ihnen vielleicht aus Sackgassen herauszuhelfen. Sackgassen, in welche ich oft genug selber hinein gelaufen bin. Ich bin zufrieden - was will man mehr?


Reinhard Neumeier, Juni 2011

 
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