Ganzheitliches Counseling in Wien Nach Kategorien Autobiographisches Wie ein Kleinkind das Gedankengefängnis ihrer Eltern aufbrach

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Wie ein Kleinkind das Gedankengefängnis ihrer Eltern aufbrach PDF Drucken E-Mail

 

 

 


Unerhört! Theresa – so will ich sie hier nennen – wachse nicht ausreichend. Wir, stolze Eltern einer achtmonatigen Tochter, waren beim Kinderarzt gewesen. Nun saßen wir - verärgert - im Auto. Was hatten wir nicht alles an total Gesundem und Natürlichem seit ihrer Geburt gemacht: Sie war zu 100% gestillt worden, wir hatten doch konsequent gemäß der Makrobiotik - einer amerikanisch-japanischen Diätphilosophie - gegessen. Wir waren doch soo zufrieden gewesen mit unserem Baby, das ganz ohne Speck auszukommen schien.

„Sie verstehen nichts von gesunder Ernährung – diese Ärzte“ urteilten meine Frau und ich auf dem Heimweg zu unserem südburgenländischen Bauernhof und versuchten so, unsere wachsende Betroffenheit abzuschütteln. An diesem Tag im Herbst 1980 galt: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Aber die Natur ist weise, sie lässt manchen Frust über Nacht verschwinden und Erkenntnis wachsen. Am nächsten Morgen sagten wir fast gleichzeitig: „Er hat Recht, Theresa wächst zu langsam.“


Wir suchten nun die Ursache. Da unsere Tochter immer Muttermilch bekommen hatte, musste die Ernährung nicht gestimmt haben. Ernährung - unser ureigenstes Ding; das, worauf wir unser berufliches und privates Leben gebaut hatten. Nach einigen Diskussionen meinten wir, den Grund dafür entdeckt zu haben: Obwohl wir anderen von den Vorzügen einer vielfältigen (!) Ernährung inklusive bestimmter tierischer Produkte erzählt hatten, aßen wir im Alltag deutlich eingeschränkter. Unbemerkt hatte der vegetarische Mythos unser ohnehin nicht breites makrobiotisches Lebensmittelsortiment verkleinert. Gesagt, getan: Wir erweiterten ab sofort auch im Alltag unsere Esspalette. Wir aßen mehr Hülsenfrüchte. Fisch kam auf den Speiseplan. Außerdem erhielt unser Kind zusätzlich babygerechte Kost. Siehe da, sie wuchs. Dies war die erste Lektion, welche wir von Theresa erhielten.


Im Laufe der folgenden eineinhalb Jahre las ich in Ernährungszeitschriften von den Gefahren einer einseitigen Kost. In England, Holland und den skandinavischen Ländern hatten viel früher vegetarische Bewegungen Fuß gefasst. Es gab erste Langzeitergebnisse und die hörten sich gar nicht so gut an. Kinder sollten davon besonders betroffen sein. Sie wuchsen langsamer und waren unterernährt. Ich erzählte meiner Frau davon, wir sahen uns an und schüttelten die Köpfe: Das passiert u-n-s sicher n-i-c-h-t.


1982: Es war Sommer geworden. Ich saß an einem sonnigen Morgen am Rande des Innenhofes und beobachtete die zweijährige Theresa, wie sie im Hof spielte. Sie war gewachsen, wenn auch nicht in die Höhe geschossen wie viele ihrer Altersgenossen. Sie hatte später zu laufen angefangen als Kinder es durchschnittlich tun. Insgesamt aber schien alles normal zu sein. Sie lief im Haus herum und ließ sich auf die Knie, um im Hof zu krabbeln.


Die letzten Monate waren turbulent gewesen. Wir hatten zahlreiche Kurse im Rahmen einer neu eröffneten Schule in Wien gegeben. Wahrscheinlich waren es zu viele Kurse gewesen, denn zu meinem letzten Vortrag 'Geschichte der Ernährung' waren nur wenige Zuhörer gekommen. Obwohl ich diesen Abend als einen meiner besten empfunden hatte.

Ärchäologen hatten Skelette ausgegraben und untersucht. Die Ergebnisse waren unerwartet gewesen, so wie es bei guter Forschung nicht selten passiert: der Übergang vom umherschweifenden Jäger- und Sammler-Leben in ein sesshaftes Dasein von Ackerbauern bedeutete gesundheitlich meist eine Verschlechterung. Die Menschen litten unter Infektions- und Mangelkrankheiten. Es gab häufig Hungerperioden, Kinder starben früh, waren kleinwüchsig und litten an Rachitis. Die Paläoanthropologen sehen darin die Folgen von Mangelernährung. Erst nach zwei oder drei Generationen stabilisierte sich in der Regel der Gesundheitszustand dieser frühen Bauern. Das für uns Gesundheitsmissionare Heikle an diesen neuen Erkenntnisse: sie griffen das Dogma („Iss Getreidekörner statt des traditionellen, vielfältigen Essens“) der damaligen Gesundheitsszene frontal an. Getreide wie Reis und Weizen. Getreide - das Gesundmachende, das Heilige! Doch damals erzeugten diese heiligen Körner Unterernährung bei Kindern.

 

Δ

 

Wieso krabbelt Theresa wieder? Sie kann doch seit einem Jahr gut gehen und laufen. Zumindest im Haus. Das kurze Gras im Hof scheint ihr ein zu gefährliches Terrain zu sein. Krabbeln? K-r-a-b-b-e-l-n! Moment mal, erhält unser Kind zu wenig Gehaltvolles, um laufen zu können? Um Himmels Willen, wiederholen wir mit unserer Diät diese erste Phase des Sesshaftwerdens, diese heikle Phase des abhängigen Lebens von den Ackerfrüchten? Ist unser Kind vielleicht auch so unterernährt wie die Kinder dieser frühen Bauern?


Graues Entsetzen überschwemmte mich. Ohne viel zu denken, schnappte ich mir den Wagen, fuhr zum Lebensmittelladen im nächst gelegenen Ort und kaufte Yoghurt. Zwei Becher Natur-Yoghurt – Yoghurt, ein Milchprodukt. Ein Milchprodukt! Hierzu muss angemerkt werden: Milch und ihre Folgeprodukte waren in dieser - von traditionellen japanischen Nahrungsmitteln dominierten Bewegung - als widernatürlich, verschleimend und krankmachend geächtet gewesen. Doch ab sofort kauften wir regelmäßig Yoghurt und Theresa löffelte mit großer Hingabe. Und einige Zeit später lief sie quietschvergnügt auch im Hof herum. Sie lief, nicht krabbelte.

Diese Schlüsselszene mit dem unsicher krabbelnden zweieinhalbjährigen Kind hatte sich tief in mir eingegraben. Selbst jetzt beim Schreiben spüre ich noch einen leisen Hall jener Gefühlswelle. Die Sorge um die Tochter führte anschließend zum Verlassen jener religionsähnlichen Diät- und Gesundheitsbewegung. Die zweite Lektion durch Theresa änderte unser Leben: Wir sahen die erheblichen Risiken von Makrobiotik und beendeten unsere Karrieren als Lehrer dieser Bewegung. Wir waren wieder frei. 

Reinhard Neumeier, Mai 20009

 

Bild: ein ca. 10-jähriges burmesisches Mädchen, welches In den Ferien Maiszigarren verkauft. Die weiße Pasta im Gesicht soll sowohl vor der Sonne schützen als auch dient sie ästhetischen, bisweilen magischen Zwecken.

 

Eine eiweißintensive Nahrung, welche mit wenig Aufwand herzustellen ist:

 

Bohnenauflauf

  • Bohnen: 1 große Dose Nierenbohnen (ca. 800 g)
  • Käse: 120 g geriebener Hartkäse (etwa Gouda)
  • Gemüse: 1 große Zwiebel, 1 Knoblauchspalte, 1 scharfe Peperoni, 1 milde Peperoni (oder 2 milde insgesamt)
  • Gewürze: Koriander, Cayennepfeffer
  • Öl: 1 Esslöffel hitzebeständiges Pflanzenöl
  • Sonstiges: 80 ml Gemüsefond
  1. Vorbereitungsarbeiten I: Knoblauch und Zwiebel fein schneiden; das Innere der Peperoni herausnehmen, entsorgen, die übriggebliebene Fruchthaut kleinwürfelig schneiden.
  2. Vorbereitungsarbeiten II: das Backrohr einschalten und für 200 Grad vorheizen.
  3. Vorbereitungsarbeiten III: währenddessen in einer Pfanne das Öl erhitzen, die Zwiebelstücke zwei Minuten anbraten, Knoblauchstücke hinzugeben und eine weitere Minute braten; die Peperoniwürfelchen, Bohnen und Koriander hinzufügen; mit dem Gemüsefond aufgießen und mit dem Pfeffer und Salz würzen; rund fünf Minuten auf geringer Flamme köcheln lassen; die Pfanne vom Herd nehmen und rund zwei Drittel des geriebenen Käse untermischen.
  4. Back- und Servierarbeiten: Die entstandene Masse in eine feuerfeste Backform gießen und mit dem restlichen Käse bestreuen. Rund eine Viertel Stunde überbacken. Eventuell mit einem grünen Blattsalat servieren.
 
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