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bin draufgekommen, daß in meiner familie immer eine person - immer ein mann - zum schwarzen schaf gemacht wurde. diese person hat sich auch dementsprechend asozial verhalten (alkohol, dauerarbeitslos, usw.). bis vor kurzem dachte ich noch, daß derjenige halt selbst schuld ist an seiner situation.
mein sohn besetzt zurzeit diese rolle: ohne vater bzw. männliches leitbild aufgewachsen, nun schon einige jahre suchtkrank und ohne job bzw. perspektiven. habe jetzt den verdacht, daß wir - seine familie, die aus erfolgreichen frauen besteht - ihn in die loser rolle gedrängt haben?!

Liebe Anfragende, alle Achtung, Sie treten einen Schritt zurück und betrachten nun die Gesamtsituation. Anstatt wie bisher nur Ihr Kind als Schwarzes Schaf im Blick zu haben und zu beklagen. Familienmuster, die über Generationen tradiert und aufrecht erhalten werden, werden oft erst durch einen solchen Schritt zurück sichtbar. Sie aufzulösen, wäre der nächsten und wesentliche Schritt.
Zwei Ansatzpunkte für psychologische Beratung und Therapie sind hier wichtig:
(1) Das familiäre Hauptthema der erfolgreichen Frauen. Wie zeigt sich dieser Erfolg? Vermutlich in einer Durchsetzung sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich. Vielleicht nach der Devise „Aus dem Weg, jetzt komme ich“. Ihr Schreibstil (kompakt, auf das Wesentlichste reduziert, mutig in reiner Kleinschrift schreibend) deutet das an. Ideal für die heutige Ellbogenzeit, in der jeder mit jedem konkurriert, jedoch sehr ungünstig als Dauerumgebung für Ihren Sohn.
(2) Der zweite Aspekt ist jener der Kindheit, Jugend- und frühen Erwachsenenzeit Ihres Sohnes. Ihres einzigen Sohnes, der in einer Mutter-Kind-Konstellation aufgewachsen ist. Wahrscheinlich hatte er von klein auf wenige Chancen, sich gegenüber seiner eigenen Mutter oder seinen selbstbewussten Tanten oder anderen Frauen der Familie durchzusetzen. Womit er die prägenden Entwicklungsjahre in einem grausamen Dilemma steckte: Spätestens in der Schule erfährt man als Bub, dass man nicht so sein darf wie ein Mädchen. Ein Bub hat (a) anders zu sein und (b) irgendwie stärker.
Eine männliche Bezugsperson gab es in Ihrer Familie nicht, wie Sie schreiben. Also wusste er nie, wie dieses Anderssein verwirklicht werden könnte. Und stärker? Huch, jetzt wird’s noch wilder – wie soll der kleine Bub stärker sein als die großen kräftigen Frauen, die ihn alle umgeben? Die Messlatte für sein Verhalten als Bub & Mann war undefiniert, auf jeden Fall unerreichbar. Mann gibt dann auf. Hier könnte wieder angeknüpft werden.
Wie kann Ihr Sohn aus dieser Rolle herauskommen? Hätte er selbst geschrieben, wäre ich deutlich optimistischer. Da aber Sie (darf ich schreiben, wie gewohnt?) aktiv werden, dürfte der Anfang schwierig sein. Will ER wachsen? Selbständig werden ist mühsam! Spürt er Leidensdruck, hat er freie psychische Energie? Dann würden sich Entwicklungswege öffnen. Simple Zwei-Sätze-Tipps jedoch werden selbst dann nicht ausreichend sein.
Sollten Sie Willen und Energie zur Veränderung bei Ihrem Sohn spüren, dann könnte er versuchen, Schritt für Schritt aus seiner Lage herauszukommen, mit den leichtesten Schritten und den daraus resultierenden Stärkungen durch Erfolge zuerst.
Mit freundlichen Grüßen!
Reinhard Neumeier, Wien im April 2011
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