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Es geht um meinen siebzehnjährigen Sohn, der uns ständig anlügt. Wir haben keinen Vertrauen mehr zu ihm. Das gemeinsame Leben ist die Hölle! Wir sind eine vierköpfige Familie - beide Eltern sind Akademiker.
Wie kommen wir aus dieser unangenehmen Situation heraus? Alles, was wir bisher unternommen haben, war mit ihm immer wieder darüber zu reden! Was sollen wir tun?

Liebe anfragende Mutter, in der Familie zu lügen ist ein Phänomen, das in der Pubertät gehäuft auftritt. Vielleicht ist es ein Weg, um zwischen dem Bedürfnis endlich selbständig im Leben zu sein einerseits und der realen Welt voller Abhängigkeiten (insbesondere von den Eltern) andererseits einen raschen und einfachen Weg zu finden. Viel zu rasch natürlich. Lügen funktionieren nur bei den ersten Malen gut, dann wird die Umgebung skeptisch. Und der Schaden in Form von allseitigem Vertrauensverlust stellt sich ein.
In pubertierenden Jugendlichen (und Ihr siebzehnjähriger Teenager zählt nach wie vor dazu) wird das Gehirn umgebaut. Nerven, vor allem Kontrollinstanzen im vorderen Bereich, im Stirnbereich, werden teilweise aufgelöst und später wieder neu errichtet. Das heißt, Teenager können kaum in die Zukunft sehen und daher kaum abschätzen, was der momentane kleine Vorteil durch das Lügen an deutlich größerem Schaden in ihrem Leben in naher Zukunft bewirken wird.
Liebe Eltern, Sie haben zu Ihrem Sohn inhaltlich nichts geschrieben. Ich betreue zahlreiche Klientenfamilien, in denen der Sprössling in den letzten Jahren 'orientierungslos' geworden ist. Das heißt, ihn interessiert die Zukunft nicht, er lernt nichts mehr in der Schule, wiederholt (äußerlich scheinbar ohne mit den Wimpern zu zucken), die Klasse oder bricht die Schule ab. Es gab für ihn dort nur mehr reale und gefühlte Niederlagen. Und zwar täglich und stündlich. Jetzt geht um 3 Uhr morgens schlafen, surft und spielt im Internet ohne Ende. Sport wird zum Fremdwort. Seltsame Freunde, die er im Park aufgegabelt hat, tauchen auf. Gras kiffen wird eventuell einige Male probiert oder auch regelmäßig getan - wobei Marihuana (Gras) noch nicht mit schweren Drogen gleichgesetzt werden sollte. Die Eltern schauen zutiefst unglücklich und ratlos zu.
Vielleicht trifft dies in Ihrem Fall nicht zu, sondern nur 'bloßes' Lügen. Aber auch eine solche einfache Orientierungslosigkeit ist nicht über Nacht handzuhaben, zu betreuen oder zugunsten einer sicheren Werte- und Zielorientierung wieder aufzulösen. Es benötigt Zeit, Energie und Geduld seitens aller Beteiligten. Und noch etwas: Es zählt jedes Vierteljahr. Die Chancen auf ein baldiges Wieder-zu-sich-Finden sinken mit zunehmendem Alter erheblich.
Doch wie gesagt, vielleicht ist Ihr Sohn noch gar nicht in diese Schiene gerutscht. Dann wären die Chancen sehrgut. Wichtig wäre noch Folgendes zu wissen: (1) Mit welchem Erziehungsstil haben Sie in den letzten Jahren Ihren Sohn konfrontiert? (2) Wie war die emotionale Konstellation in der Familie in diesen Jahren – vielleicht hat er darauf reagiert? (3) Wie reagiert jetzt der jüngere Bruder - ablehnend oder gar interessiert?
Ja, Sie sind auf dem richtigen Pfad: Sie suchen professionelle Hilfe. Nichts tun und zuwarten, dass alles von allein besser wird, ist der ungünstigste Weg. Mit den besten Wünschen
Reinhard Neumeier, September 2011
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