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Ich bin Ende dreißig, geschieden und Kinder aus dieser Ehe. Ich habe ein eigenständiges Leben, einen tollen Job, ein Haus, viele Hobbies und Freunde. Mein letzter Freund ist ein sehr lieber Mann. Er ist Anfang dreißig, kinderlos. Leider hat er unsere Beziehung nach wenigen Monaten beendet, weil er einen inneren Konflikt austrug, so wie er sagte. Er liebte mich, fühlte sich aber nicht wohl dabei, eine Patchworkfamilie zu gründen.
Gestern war er bei mir. Ich habe ihn einige Monate nicht gesehen, ich war aufgeregt und spürte ganz klar, dass da auf meiner Seite noch starke Gefühle sind. Er beteuerte wieder, ich wäre die Frau, die er toll findet, die er liebt, aber er hätte halt nicht anders gekonnt. Und plötzlich fragt er, ob er mich umarmen darf. Und ich lasse es zu, es ist so schön und ich weine und bin glücklich und traurig und alles zugleich. Und er sagt, lass mir noch Zeit. Und jetzt bin ich verwirrt und ich weiß nicht, was ich davon halten soll? Ich glaube ihm eigentlich schon, dass er mich liebt, zumindest wenn er bei mir ist. Aber andererseits, wie lange soll ich ihm Zeit geben?

Liebe Anfragende, Sie beschreiben auf den Punkt genau eine soziobiologische Thematik, dem Männer ausgesetzt sind: dem der Mithilfe beim Aufziehen von Kindern, die nicht von ihnen sind. Ihr Partner spiegelt unsere Millionen Jahre alte Stammesgeschichte wider. Er kann aus einer psychologischen Tiefenstruktur heraus derzeit nicht anders, selbst wenn er es vom Verstand her will. Unsere evolutionäre Vergangenheit hat uns Männer dafür geschaffen, sehr genau zu schauen, dass der eigene Lebensaufwand in Kinder fließt, die wahrscheinlich die eigenen sind.
Wahrscheinlich! Exakt konnten wir (unsere männlichen Vorfahren) es ohnehin nie wissen. Aufgrund dieses Nichtgenauwissens wurden wir innerlich sogar noch vorsichtiger, aufpassender, zurückhaltender etc. Genau das, was Sie bei Ihrem Freund beklagen. Patchworkfamilien stellen daher für uns Männer eine schwierige Situation dar.
Ich hoffe, ich langweile Sie nicht mit diesen Grundüberlegungen der Soziobiologie (oder evolutionären Psychologie, was meist das gleiche ist). Doch der Partnermarkt bringt diese Grundverhältnisse täglich ans Licht. Ich will es kurz skizzieren, um Ihnen persönlich anschließend Hinweise zu geben, wie Sie diese Lage meistern können.
Der Marktwert (verzeihen Sie, wenn ich es so ausdrücke, doch ökonomisch orientierte Formulierungen haben sich in den letzten Jahrzehnten als theoretische Grundlage in den genannten Wissenschaften bewährt) jedes einzelnen hängt tendenziell nur von wenigen Faktoren ab:
* Bei Frauen ist es die Gesundheit und Jugend mit Schönheit als Oberbegriff, die positiv wirken. Ungünstig wirken sich abhängige Kinder aus - dies gilt selbst dann (!!), wenn finanziell für sie gesorgt ist, wie es in Ihrer Situation der Fall sein dürfte. Jedes Kind mehr wird leider Ihren - in der emotionalen Tiefe des Gegenüber wirkendenden - momentanen Marktwert senken. Sollten die Kinder schon älter sein, würde das Ihren Marktwert von Jahr zu Jahr wieder erhöhen, da es ja Aussicht gibt, Sie mit geringerer Versorgungslast von vielleicht einem oder zwei Kinder zu erhalten.
Selbstverständlich, erhöht sich in unserer modernen Zeit Ihr Wert aus soziobiologischer Sicht durch Ihre offensichtlich beachtlichen Eigenschaften: Selbständigkeit, Job, Haus, Hobbies, die auf emotionalen Reichtum und Fähigkeit, das Leben zu genießen, schließen lassen. Ihr Schreibstil ist ganz wunderbar - ich nehme ihn als Indikator für beträchtliche Lebenskultiviertheit, die Sie sich angeeignet haben. Zusätzlich zu Ihrer noch immer vorhandenen Jugend sind das wesentliche Aktiva, die Sie besitzen. Ihre Freund merkt das, kann aber doch nicht über seine inneren, genetisch basierten Einflüsterungen hinwegkommen.
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Betrachten wir daher die Situation Ihres Freundes:
* Er ist Anfang dreißig, kinderlos und ungebunden. Soziologisch heißt dies in heutigen Zeiten, dass er nun erst erwachsen (ausgebildet; schon erfahren im Beruf; bereit, Verantwortung zu tragen,..) geworden ist. Vermutlich ist sein Wert am Partnermarkt derzeit hoch - sonst würden Sie sich emotionell auch kaum für ihn interessieren.
Das bedeutet: Die genetische Stimme in ihm flüstert ihm ununterbrochen zu, dass er nicht nur Sie besitzen kann, sondern alle Chancen auf weitere schöne Frauen hat. Frauen, die Ihm - und das ist der springende Punkt - Kinder gebären. Seine Kinder!! Selbst wenn moderne Männer dies bewusst nicht mehr im Sinn haben, so gibt es doch eine erhebliche Neigung, das Verhalten grundsätzlich so auszurichten.
(Persönliche Anmerkung: Ich hatte mit 29 nie vor, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Ergebnis: Geheiratet habe ich zwei Mal und Töchter habe ich - Universum sei Dank - vier.)
Vermutlich erlebt Ihr Freunde seine Gefühle Ihnen gegenüber als zerrissen und sehr ambivalent: Mal bricht Ihre Attraktivität voll bei ihm durch und er liebt Sie heiß, mal gewinnt die genetische Stimme die Oberhand und er flieht. Gut geht es ihm hierbei nicht, denke ich. Seine biologische Position nämlich ist deutlich schlechter als die der Ihren.
* Daher zurück zu Ihrer Situation: Beim oben genannten Punkt des Reproduktionserfolges sind Sie eben - bei aller scheinbaren aktuellen Benachteiligung am Geschehen des Partnermarktes - Ihrem Freund um Lichtjahre voraus: Sie sind Mutter und haben bereits drei Kinder! Vermutlich gesunde und gut gelungene. Evolutionsbiologisch gesehen sind Sie immens reich. Sie sind dem Ziel, Ihre Gene auf hohem Niveau in die nächste Generation zu tragen, sehr, sehr nahe.
Ich vermute, dass Sie Ihren Freund langfristig nicht halten können. Er steht am Anfang seines reproduktiven Verhaltens, Sie hingegen haben schon viel erreicht. Aus Selbstschutzgründen versuchen Sie bitte, gefühlsmäßig nicht mehr weiter zu investieren und vielleicht sogar abzuschließen. Ich weiß, das schreibt sich leicht. Umsetzen hingegen ist schwer.
Versuchen Sie es dennoch. Ihre Lebensfenster werden sich auch auf dem Gebiet der Liebe wieder öffnen. Es wird zum Teil eine andere Art von Liebe sein, eine, die weniger genetisch bedrängt sein wird und Ihre Persönlichkeit und Ihr Leben bereichern machen wird. Und das alles vermutlich zusätzlich zu Ihrem - biologisch und kulturell gesehen - schon so reichen, bisherigen Lebensertrag.
Alles Liebe wünsche ich Ihnen daher!
Reinhard Neumeier, November 2011
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