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Interdisziplinarität und KI
(KI und Theorie 2)

 

Du blickst auf ein Stück Pizza – und siehst das Universum.

Die Atome in diesem Stück sind Sternenstaub, geboren in Explosionen längst verloschener Sonnen. Das Mehl stammt aus den Samen von Süßgräsern wie Weizen oder Gerste, gereift im Licht unserer Sonne. Das Wasser kam unter anderem vor Milliarden Jahren mit Asteroiden auf die Erde. Der Käse ist fermentierte Milch, Ergebnis menschlicher Tierhaltung und mikrobieller Prozesse. Die Tomate: eine Frucht aus der Neuen Welt, über Kontinente hinweg von Menschen gemeinschaftlich kultiviert, gehandelt und verarbeitet. 

Ein scheinbar banales Lebensmittel wie Pizza verdichtet kosmische, biologische, technische und sozial-wirtschaftliche Prozesse.  

Die Welt ist vernetzt – doch unser Wissen nicht

Wir leben in einer analogen Wirklichkeit, in der Phänomene ineinandergreifen. Physik geht in Chemie über, Chemie in Biologie, Biologie in Psychologie oder Soziologie. Die disziplinären Grenzen, mit denen Universitäten und Forschungseinrichtungen arbeiten, sind keine Grenzen der Welt. Sie sind historisch gewachsen. Menschenwerk.

So entstand ein System aus Einzelgärten: abgegrenzte Fächer mit eigenen Methoden, eigenen Begriffen, eigenen Anerkennungsformen. Wer seinen Kopf über den Zaun streckt, hört eine Fremdsprache. Was als Ordnung des Wissens begann, wirkt heute wie ein Turmbau zu Babel. Verständigung wird mühsam. Zusammenarbeit bleibt die Ausnahme, denn Karrierepfade, Berufungsverfahren und Anerkennungssysteme kennen nur eiserne Isolation.

Um die vernetzte Welt zu verstehen, braucht es Verbindungen zwischen diesen Gärten. Interdisziplinarität wird seit Jahren beschworen: in Strategiepapiere geschrieben, auf Konferenzen gefeiert, in Sonntagsreden gelobt. Im Alltag der Wissenschaft aber dominiert die Logik des Faches. Karrierewege, Publikationskulturen und Begutachtungsverfahren belohnen Spezialisierung. Wer zu breit arbeitet, riskiert, nirgends wirklich zu zählen.

Interdisziplinäres Forschen gilt als notwendig – und bleibt doch strukturell ausgeschlossen.

 

 

Künstliche Intelligenz: Noch tiefer in Gärten graben oder übersetzt sie Wissenschaften?

Nun betritt ein neuer Akteur die Bühne: die künstliche Intelligenz. Ihr Potenzial ist in vielen Richtungen erheblich. Zunächst verstärkt sie die bestehende Ordnung. KI-Systeme helfen Forschenden, schneller im Fach zu arbeiten, tiefer zu graben und damit noch größere Datenmengen zu analysieren. Der eigene Garten wird effizienter bewirtschaftet. Die Spezialisierung gewinnt an Tempo.

Darin liegt auch eine Chance. KI kann Fachsprachen übersetzen, Methoden zugänglich machen, Literatur aus anderen Disziplinen erschließen. Sie kann Muster sichtbar machen, die nur im Zusammenspiel verschiedener Perspektiven erkennbar werden. Richtig eingesetzt, wird sie zur Vermittlerin zwischen den Gärten – nicht zu ihrer Verstärkerin.

Ob künstliche Intelligenz die Fragmentierung des Wissens vertieft oder überwindet, ist keine technische Frage. Es ist eine Entscheidung nicht nur der Wissenschaft, sondern der Gesellschaft insgesamt.

15. Februar 2026