Mythos und Evolution


Der Mensch ist ein Produkt des Kosmos. Diese Einsicht klingt schlicht, doch sie verändert den Blick auf uns selbst. Wenn wir nicht als fertige Wesen erschaffen wurden, sondern aus langen natürlichen Prozessen hervorgegangen sind, verschiebt sich die Frage nach Herkunft, Sinn und Verantwortung.

Die Mehrheit der Menschen deutet ihren Ursprung religiös. Für viele beginnt die Geschichte des Menschen mit einem Schöpfungsakt, der seinem Dasein von Anfang an Bedeutung verleiht. Eine kleinere Gruppe versteht den Menschen dagegen als Ergebnis biologischer und kosmischer Entwicklungen. Beide Perspektiven prägen bis heute das Selbstverständnis von Gesellschaften.

Religiöse Traditionen erzählen vom Ursprung des Menschen meist als bewussten Akt: Ein Gott formt den Menschen, bestimmt seine Rolle und verleiht ihm eine besondere Stellung. Diese Ursprungsmythen begründen Ordnung und Orientierung. Sie erklären, warum Menschen handeln sollen, wie sie handeln, und worauf sie hoffen dürfen.

 

Schwalben in Rumänien nach dem Regen

 

Der Mensch als Kind des Kosmos: die neue Herkunftserzählung

Die naturwissenschaftliche Perspektive erzählt eine andere Geschichte. Sie beschreibt kein fertiges Wesen, sondern einen Prozess. Leben entsteht aus einfachen Strukturen, entwickelt sich über immense Zeiträume und bringt schließlich das hervor, was wir Mensch nennen. Diese Sicht kennt keinen vorgezeichneten Plan. Sie kennt nur Entwicklung, Variation und Anpassung.

Für Wissenschaft und Universitäten ist diese Perspektive grundlegend. Sie verlangt, den Menschen nicht als statische Größe zu behandeln, sondern als dynamisches Wesen in einem offenen Erkenntnisprozess. Auch die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz steht in diesem Horizont. Wenn der Mensch sich selbst als Ergebnis von Entwicklung versteht, wird auch seine Technik zu einem Teil dieser fortlaufenden Geschichte. Aus dieser Differenz entsteht ein philosophischer Gegensatz: der zwischen Essenz und Existenz.

Existenz vor Essenz 

In mythischen und vielen religiösen Deutungen steht die Essenz am Anfang. Der Mensch hat ein festgelegtes Wesen, bevor er handelt. In der existenzphilosophischen Tradition dagegen gilt das Umgekehrte: Erst existiert der Mensch, dann entwirft er sein Wesen. Sein Leben ist nicht Ausführung eines Plans, sondern ein offener Prozess. 

Die genannte Verschiebung hat Folgen. Wenn der Mensch nicht mit einer feststehenden Bestimmung geboren wird, wird er freier und ungebundener. Sinn entsteht dann nicht durch Herkunft, sondern durch Fühlen und Handeln. Erkenntnis ersetzt nun Offenbarung. Jedoch gilt universell, dass Selbstbestimmung Folgen der Erkenntnis sind? 

Das evolutive Weltbild entzieht traditionellen Gewissheiten ihre Selbstverständlichkeit. Es eröffnet einen neuen Raum: für Selbstbestimmung, für Verantwortung und für die – theoretisch – nüchterne Einsicht, dass Bedeutung nicht gegeben ist, sondern entsteht. Doch so einfach ist das nicht.

Bizarre Erlösungskonzepte und Verschwörungstheorien sonderzahl zeigen, welche Lasten der Verlust alter Sicherheiten und der Gewinn neuer Freiheiten mitsichbringen. Der Mensch ist kein fertiges Werk. Er ist ein fortdauerndes Projekt im Kosmos, der ihn hervorgebracht hat. 

 

Reinhard Neumeier

2013 / 2026