Wie lässt sich wissenschaftliche Qualität in einem sozialwissenschaftlichen Fach untersuchen? Die schwedische Forscherin Therese Söderlund (Co-Autor G. Madison) hat dies 2017 getan. Sie untersucht repräsentativ ausgewählte Artikel des Faches Gender Studies. Die Untersuchung baut auf mehrjährigen Vorarbeiten auf, die im Netz zu verfolgen sind. Aus einer potenziellen Grundgesamtheit von mehr als 12.000 schwedischen Veröffentlichungen in Peer-reviewed-Journalen kamen 2.805 Aussagen aus 36 zufällig ausgewählten Artikeln in die Endauswahl.
Die Ein- und Ausschlusskriterien und die Operationalisierung der untersuchten Kategorien sind nachvollziehbar. Diese Kategorien wurden im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse mit geeigneten statistischen Verfahren analysiert. Und besonders sichtig: Es gab eine neutrale Vergleichsgruppe. Kurz, die Vorgehensweise und angewendeten Methoden waren wissenschaftlich seriös und anspruchsvoll.

Wenn ein Fach sich selbst auf den Prüfstand stellt
In den analysierten Gender-Studies-Artikeln überwiegen verzerrte Aussagen („biased and normative statements“). Anstelle von Beschreibungen waren überproportional Statements zu finden, wie es gemäß einer idealisierten Norm sein sollte. Ungünstige Ergebnisse wurden der sozialen Umgebung, der institutionellen Umwelt, kulturellen Faktoren oder nachwirkenden historischen Einflüssen zugeordnet:
„a gender perspective was associated with social explanations for human behaviour in terms of influences from culture, environment, and societal institutions,“. Alternative Erklärungen wurden systematisch ausgeschlossen, ungünstigen Ergebnisse tendenziell einseitig interpretiert und damit neutralisiert. Übersetzt in die Alltagssprache bedeutet das: Diese Ergebnisse gleichen Hammerschlägen.
Wenn Forschungsergebnisse auf institutionelle Interessen treffen
Wie war die Reaktion der scientific community? Wie reagiert eine wissenschaftliche Gemeinschaft auf Befunde, die ihr eigenes Fach infrage stellt? Ändert sie in der Folge das Vorgehens und die Methoden? Übernimmt sie wissenschaftliche Standards nicht nur pro forma, sonder nimmt sie diese ernst?
Nichts von all dem, im Gegenteil. Einen Monat nach der Erstveröffentlichung wurde dieselbe Studie nochmals eingereicht. Allerdings mit dem ursprünglichen Co-Autor Madison als erstem Autor und nun Therese Söderlund als Co-Autorin. Ebenfalls anders waren Titel, Abstrakt und Diskussion.
Die neue Diskussion umfasste fünf statt drei Seiten. Die Ergebnisse blieben unverändert. Doch die längere Diskussion ordnete sie neu ein und versah sie mit zusätzlichen Einschränkungen und Verweisen. Der sonstige Inhalt war gleich geblieben.

Wie unterschiedlich Diskussionen sein können – und wie sie zugrundeliegende Motive sichtbarer machen
Die neue Diskussion umfasste nun allerdings fünf Seiten anstelle drei. Die ungünstigen Ergebnisse für die Gender-Studies-Artikel wurden zwar belassen, aber in einem schwer zu durchdringenden Netz von „Wenn und Aber“ oder sonstigen Verweisen eingesponnen. Kurz, sie wurden zerredet.
Ins Auge fiel im Vergleich einer der schließenden Absätze auf, welcher jeweils mit „In conclusion“ begann. Söderlund verweist auf bisher bereits veröffentlichen Kritiken der Gender Studies und nannte 16 Artikel, nahezu alle von unterschiedlichen Autoren verfasst. Die neue Madison-Version enthält drei Verweise, davon zwei aus Selbstzitate bestehen.
Ein abschließender Satz aus dieser Madison-Version der Diskussion ist interessant: „Gender studies has received exclusive funding in Sweden, with the specific goal to increase its quality, outside competition with other fields (Swedish Research Council 2011a, b). It seems therefore particularly important to ensure that these resources attain the desired results, […]“
Dieser Hinweis auf die besondere Förderung von Gender Studies wirft eine weitergehende Frage auf: Welche Rolle spielen institutionelle Interessen, wenn wissenschaftliche Ergebnisse die Qualität eines geförderten Forschungsfeldes infrage stellen?
Abseits?
Therese Söderland hatte bis dahin sechs Veröffentlichungen, ab diesem Zeitpunkt keine einzige mehr. Was geschah danach mit Therese Söderlund? Und gibt es Belege dafür, dass ihre Erstautorenschaft der 2017-Studie negative Folgen für ihre weitere Laufbahn hatte? Wurde hier am Ende gar eine Whistelblowerin ins Abseits geschoben?
11. Oktober 2026
PS: Zum Grundproblem wissenschaftlicher Institutionen: Wie offen kann ein Fach seine eigenen Annahmen und Methoden überprüfen? Wissenschaftliche Qualität zeigt sich nicht nur darin, wie sorgfältig eine Studie durchgeführt wird. Sie zeigt sich auch darin, wie eine Fachgemeinschaft mit Ergebnissen umgeht, die ihren eigenen Überzeugungen widersprechen.
Mehr darüber im Folgebeitrag.
Zum ersten Essay dieser Serie.